Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. Juli 2016

Padmasambhava in Zeiten des Umbruchs

stones-942207_1920Neben Buddha Shakyamuni, der als der „erste Buddha“ angesehen wird und vornehmlich die Sutras gelehrt hat, wird Guru Rinpoche als der „zweite Buddha“ bezeichnet, auf den die tantrischen Überlieferungen Tibets zurückgehen. Hier ein paar Gedanken dazu.

Zeit der Umbrüche

Auf einer weltlichen Ebene war die Zeit des Erscheinens des Tantrikers Padmasambhava in Tibet eine Zeit der politischen Veränderungen und religiösen Umbrüche. Da in der Weite des tibetischen Hochlandes verschiedene Fürsten unter einem zentralen König herrschten, versuchte bereits Songtsen Gampo die Macht mehr und mehr zu zentralisieren. Erst einige Zeit später gelang dies unter dem Dharma-König Trisong Detsen.
Damit verbunden war auch eine große religiöse Veränderung, die sich in der Abkehr von den Ritualen der Tieropfer zeigte, welche die lokalen Vertreter des Bön ausübten, die nicht dem Yungdrung-Bön folgten. Ein alter Bön-Text, genannt „Sidpa Chidö“ (tib., srid pa spyi mdos) nennt eine Reihe dieser Vertreter als Dön Bön (tib., gdon bon), Düd Bön (tib., bdud bon), Dur Bön (tib., ‚dur bon), Srid Bön (tib., srid bon) und Tsän Bön (tib., btsan bon). Diese prähistorischen Bönpos führten Blutopfer durch, um Wesenheiten zu befriedigen, die Dön Bön erzeugten negative Energien und dämonische Geister (tib., gdon) an, die Düd Bön befriedeten Dämonen (tib., bdud), die Dur Bön betrieben Toten- und Geisterbeschwörungen und die Tsän Bön beschäftigten sich mit einer bestimmten Geisterklasse – den Tsän (tib., btsan).
Erst der Tantriker Padmasambhava war in der Lage, diese verschiedenen Gruppierungen, die einen Geisterglauben vertraten, mit seinen tantrischen Praktiken zu bezwingen. Wahrscheinlich wurde dies auch von der einheimischen Bevölkerung leichter akzeptiert, da die tantrische Ritualistik des Buddhadharma in ihrer äußerlichen Erscheinung von jener des Bön nicht besonders verschieden war. Was auch heute noch so manche verwirrt, da sie den wesentlichen Unterschied, der in Sicht, Pfad und Frucht begründet liegt, nicht erkennen.
In den verschiedenen Aufzeichnungen seines Lebens wird immer wieder von den Auseinandersetzungen zwischen Vertretern des Buddhadharma und den Geister beschwörenden Bönpos berichtet. Auch damals wurde schon die Ausländerthematik in den Vordergrund gerückt, indem man dem König vorhielt, die „ausländischen Vertreter aus Indien“ zu protegieren. In Yeshe Tsogyals spiritueller Lebensgeschichte treten die Minister Takra und Lugong vor den König und fragen ihn, wo denn die Königin – Yeshe Tsogyal – geblieben sei.

[…] Die erste unter den königlichen Königinnen
ist Yeshe Tsogyal.
Wahrhaftig gleicht sie Brahmas Tochter.
Was ist geschehen? Wo ist sie?
Hat dieser ausländische Hindu-Bettler sie ermordet?
Und Ihr, oh König,
seid Ihr so unvernünftig und verwirrt?
Was ist geschehen? Seid Ihr euch dem nicht bewusst?

Wenn dem so ist, dann lässt die königliche Macht nach
und wird rasch zu nichts werden.
Daher bringt Tsogyal zurück.
Gebt Ihr Euer Bett zurück
und haltet Gericht über diesen Ausländer!

Dieser radikale Wandel in der religiösen und politischen Ausrichtung in Tibet war für die verschiedenen Landesfürsten natürlich dramatisch. Schließlich strengten sie seine Vertreibung an und Padmasambhava zog sich mit seiner Gefährtin Yeshe Tsogyal aus der zentralen Region Tibets zurück.

Lehre und Segen

Sie reisten durch verschiedenen Regionen und praktizierten in entlegenen Gegenden und Höhlen. Schließlich nach längerer Zeit der Abwesenheit kehrten sie wieder an den Hof von König Trisong Detsen euch die Verwirklichungen gewähren, die dem entsprechen.
Der Ursprung dieses Schatztextes von Tulku Zangpo Dragpa liegt in der Zusammenkunft von Guru Rinpoche mit fünf seiner engsten Schüler im Tempel von Samye. Diese Schüler waren der Dharma-König Trisong Detsen, Namkha’i Nyingpo, Yeshe Tsogyal, Nanam Dorje Düdjom und der Prinz Mutri Tsenpo. Diese brachten ihm Opfergaben dar und erbaten ein Gebet.
Zunächst lehrte Guru Rinpoche ihnen das Gebet an die drei Kayas des Gurus und dann bat jeder der Schüler um ein Gebet. Dem Chögyal Trisong Detsen gab er ein Gebet für die tantrische Linie. Der Dakini Yeshe Tsogyal gab er ein Gebet über den Kupferfarbenen Berg und die Verse zum Herabflehen des Segensstromes. Dem Mönch Namkha’i Nyingpo übertrug er ein Gebet an die unterschiedlichen tantrischen Linien und auch Verse, wie man Wahrnehmung, Hören und Gedanken reinigt. Dem Nanam Dorje Dudjom lehrte er ein Gebet über seine Lebensgeschichte. Der Prinz Mutri Tsenpo bekam ein Gebet, das von den Körper, Rede, Geist, Qualitäten und erleuchteten Aktivitäten handelt. Außerdem lehrte er dem Prinzen weitere segensreiche Gebete.
Guru Rinpoche versprach, jeden Morgen bei Tagesanbruch und jeden 10. Tag des Mondmonats den hingebungsvoll Praktizierenden zu erscheinen, die ihn mit Opfergaben aus Räucherwerk, Licht und Musik einladen. Er lehrte dabei auch Gebete zum Schutz vor Krieg, Krankheit, Hungersnöten, schwierigen Reisen, gefährlichen Tieren, Erdbeben, Yetis, Räubern und autoritärer Polizei, den Ängsten des Todes, während des Zwischenzustandes und vor den Ergebnissen des eigenen Karmas.

„Wenn der bloße Gedanke, anderen zu helfen ausgezeichneter ist, als die Verehrung der Buddhas, ist es unnötig zu erwähnen, wie großartig das Streben nach dem Wohle aller Wesen ohne Ausnahme ist.“

 


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