Verfasst von: Enrico Kosmus | 25. September 2016

Zweck des Lebens? Falsche Frage!

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Von Dzongsar Khyentse Rinpoche

Oft fragen die Leute, was ist der Zweck des Lebens. Ich glaube, dass dies eine falsche Frage ist, wenn man sie einen Buddhisten so stellt. Stattdessen sollte man fragen, was ist Leben überhaupt? Ein großer Zen-Meister sagte einst, den Buddhismus zu studieren, ist sich selbst zu studieren. Und sich selbst zu studieren, ist zu erkennen, dass es ein Selbst so nicht gibt. Und das ist es kurz und bündig gesagt. Ich hoffe, dass ihr durch meine kurze Einführung einen flüchtigen Eindruck bekommt, was aus buddhistischer Perspektive Leben ist.
Ist es ein Mysterium? Absolut nicht! Es ist so ziemlich direkt. Wenn ihr beispielsweise jemandem die Hand schüttelt, dann sagt ihr: „Ich möchte dir die Hand schütteln.“ Und dann schüttelt ihr die Hand. Aber ihr meint dann in diesem Rahmen nicht, ich möchte deinen Schweiß berühren, ich möchte deine Haut berühren und die Knochen… Ihr seht also, wir denken in diesem Rahmen dabei nicht in Teilen, sondern in einer gesamten Einheit. Das ist aber Unwissenheit.

Hände schütteln

Und wenn wir dann unsere Hand ansehen, dann glauben wir, das ist dieselbe Hand, die ich gestern schon hatte. Ja? Alle glauben, das ist die gleiche Hand wie gestern und das wird auch dieselbe Hand in Zukunft sein. Also morgen oder im nächsten Moment. Aber das ist nicht der Fall. Die Hand verändert sich immer und immer. Diese kostbare Hand ist auch in der Umklammerung des Yama – dem Herrn der Zeit. Und das macht Sinn. Weil wenn eure Hand nicht der Zeit unterworfen wäre, dann würdet ihr keine Feuchtigkeitscreme benötigen. Weil ihr aber Feuchtigkeitscremes verwendet, beweist das, dass sie sich verändert und wird sie schlechter, sie verfällt, bekommt Falten, dann zerfällt sie schließlich und fällt auseinander. Aber die ganze Zeit über ist eine verborgene Annahme, dass dies dieselbe Hand ist, die schon 20 Jahre lang hatte. Wenn wir von Unwissenheit reden, dann sprechen wir da nicht über etwas Außergewöhnliches, etwas Geheimnisvolles, nichts Mythisches. Wir sprechen da von einem grundlegenden Nichterkennen der Wahrheit unserer Existenz. Die Hand ist einfach ein Beispiel, aber jede Situation, unsere Gefühle, unsere Beziehung, unsere Wertigkeiten. Dinge, die wir heute wertschätzen, tun wir dann morgen nicht würdigen. Wenn ich da einen großen indischen, einen bengalischen Meister etwas abwandle, Atisha Dipamkara sagte: „Unsere Wertschätzung verändert sich die ganze Zeit. Wenn wir Kinder sind, schätzen wir unsere Spielsachen wert. Wenn uns zu dieser Zeit jemand die Puppen, die Spielsachen kaputtmacht, dann werden wir verrückt. Heute aber haben wir diesen Dingen entsagt, wir sind gewissermaßen ein Sannyasin geworden. Wir haben nun ein besseres Spielzeug bekommen. Naja, zumindest einige von uns. Wir haben nun ein neues Spielzeug. Es ist egal, was es ist. Schnelle Autos, Smartphones. Wenn wir dann aber 80 oder 90 Jahre alt sind, dann kümmern uns diese Sachen wieder nicht mehr. Vielleicht ist es dann ein Tischtuch, vielleicht ein Salzstreuer, vielleicht ein Gehstock. Ich hab keine Ahnung, aber jedenfalls davon. So ändern sich unsere Wertigkeiten.

Veränderlichkeit

Alles verändert sich. Die ganze Zeit kapieren wir das nicht. Und das wird vom Schwein dargestellt. Das Schwein ist ein sehr wichtiges Symbol in dem ganzen Ding. Und das Schwein ist auch die Quelle von Zeit und Raum. Weil aufgrund von Unwissenheit, aufgrund eurer Mutmaßung gibt es Raum und Zeit. So würden Buddhisten das interpretieren. Und wenn man nun das Schwein hat, die Unwissenheit, dann hat man auch zwei andere Emotionen. Grob gesagt, Hoffnung und Furcht.
Hoffnung wird, nun ja, wie soll ich’s sagen,… wenn Hoffnung stärker und schöpferischer wird, und wenn Hoffnung bestimmter wird, dann wird Hoffnung zu dem, was man Gier nennt, Begierde, Verlangen, Anhaftung, was üblicherweise vom Vogel dargestellt wird, vom Hahn, von dem man annimmt, dass er unersättlich ist. Ich weiß nicht warum, aber vor 2.500 Jahren haben die Buddhisten entschieden, dass der Hahn unersättlich ist.
Und dann die Furcht. Wenn die Angst unkontrollierbar wird, wenn die Furcht wirklich groß wird, dann wird die Furcht zur Aggression. Diese Aggression wird durch die Schlange dargestellt. Paranoid, panisch, immer Dinge behaupten. Also diese drei, Unwissenheit, Verlangen und Ärger sind eine Art allmächtiger Schöpfer von all diesen Wahrnehmungen, die wir Leben nennen.

Von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche.


Responses

  1. eine brilliante , insbesondere weil zugleich so „simple“ Belehrung . Danke !Auch für die fantastische Kombination von Übersetzung und Video !

    • DJKR ist einfach großartig!


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