Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Januar 2017

Heilsam – Unheilsam?

buddha-1429381_1920Abhasendra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, gibt es in der Natur des angeborenen Raumes, der absoluten Natur der Wirklichkeit, irgendeinen Nutzen aufgrund von Heilsamen, Leiden, das durch Negatives zugefügt wird oder irgendeinen Nutzen durch Götter oder Schaden durch Dämonen und bösartigen Wesen? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Abhasendra, wo sind die ganzen Tugenden, die mit Körper,Rede und Geist begangen werden? Untersuche die Gegend, in der sie aufbewahrt werden und die Art und Weise, durch die sie angesammelt werden. Alles angesammelte heilsame Karma ist zu nichts geworden, leer, ungegenständlich und ungreifbar. Da nicht einmal eines davon festgeschrieben ist, sind sie nichts anderes als Erscheinungen des Ausführens von Tugend.“

Abhasendra fragte dann: „Sind sie von keinem Nutzen für den Geist?“

Er antwortete: „Untersuche, wo im Geist es von Nutzen ist: ist es draußen, innen, vorne, hinten usw. Wenn nichts, das nützt oder dem genützt wird, festgeschrieben ist, dann gibt es sicherlich keinen Nutzen. Überprüfe auch die Richtung und den Aufenthaltsort, wo das Gegenteil davon angesammelt wurde und beobachte die Art und Weise, durch die es sich aufhält. Es ist immer nicht festgeschrieben und nicht irgendwo befindlich, wenn du also glaubst, es würde deinen Geist stören, dann erforsche und analysiere sein Äußeres, Inneres, die Spitze, den Boden, vorne, hinten usw. Indem du das so machst, wirst du zur Schlussfolgerung kommen, dass sie leere, bloße Erscheinungen sind und deshalb gibt es nicht das geringste Leid, das es zufügt.“

Abhasendra erwiderte: „Obwohl es scheinbar keinen Nutzen oder kein Leid gibt, glaube ich noch immer, dass sie existieren. Bitte offenbart direkt, ob dem so ist.“

Er antwortete: „Oh Abhasendra, wenn du den Geistesstrom eines alten Mannes untersuchst, der sein ganzes Leben sich der körperlichen und verbalen Tugenden gewidmet hat und dem von einem alten Mann, der sein ganzes Leben sich mit dem Gegenteil und dem Unheilsamen verbracht hat, dann wirst du entdecken, dass beide Glück und kein Leiden wollen. Sie sehen sich selbst als Götter und betrachten andere als Dämonen. Sie haben solche Gedanken wie Hoffnung auf das Gute und Furcht vor dem Schlechten und ihre ganzen Wünsche sind gleich, nicht einer besser als der andere. In der Vergangenheit hatten sie genauso diese Gedanken, dieses Verhalten und die Richtung ihrer Wünsche und sie sind im Daseinskreislauf endlos getäuscht gewesen und in Zukunft sind sie durch ihre Täuschung auf dieselbe Weise gebunden. Daher gibt es gewiss keinen Unterschied zwischen ihnen.“

Abhasendra fragte: „Betreffend dem tugendhaften und negativen Verhalten gibt es kein Reifen von Karma? Möge der Lehrer das erklären!“

Er antwortete: „Oh großes Wesen, welche heilsamen oder negativen Handlungen sie auch begangen haben, es wird ein beständiger Strom an freudvollen und miserablen Erscheinungen auftreten, bis die Reifung bei jedem von ihnen seinen Verlauf genommen hat. Mit der Erschöpfung dieses Karmas dann wird man an anderen Handlungen und ihren Folgen teilnehmen. Aufgrund des körperlichen und verbalen Heilsamen gibt eine bloße Ansammlung von vorübergehendem Verdienst, der sich im Daseinskreislauf fortsetzt. Aber wisse, dass sie definitiv nicht zur Erlangung ewiger Freude führen.

Aus dem „Vajra-Herz-Tantra“ von Dudjom Lingpa, auch genannt „Ein Tantra, natürlich entstanden aus der Daseinsnatur aus dem Netz des ursprünglichen Gewahrseins der reinen Wahrnehmung;“ (tib., dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017)

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Responses

  1. Daß das bloße Ansammeln von gutem Karma nicht zur Erleuchtung führt, ist in diesem Beitrag bestechend klar dargelegt, und gibt, finde ich, reichlich „Stoff“ für eine vertiefende Kontemplation….. ich danke Dir, lieber Enrico, für diesen inspirierenden und ebenso aufklärenden Beitrag


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