Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Januar 2017

Die vier Maras

machigMara ist der Widersacher und sein Name leitet sich vom Sanskrit-Begriff für Sterben (marati) ab. Im Buddhadharma gibt es entsprechend der zwei großen Kategorien von Sutrayana und Vajrayana jeweils zwei Kategorien von zu je vier Maras.
Im Sutrayana sind dies:
1) der Mara der Aggregate [Skandhas] (skt. skandha mara; tib. ཕུང་པོའི་བདུད་, wyl. phung po’i bdud);
2) der Mara der Störgefühle (skt. klesha mara; tib. ཉོན་མོངས་ཀྱི་བདུད་, wyl. nyon mongs kyi bdud);
3) der Mara des Todesherrn (skt. mrtyu mara; tib. འཆི་བདག་གི་བདུད་, wyl. ‚chi bdag gi bdud); und
4) der Mara des Göttersohns (skt. devaputra mara; tib. ལྷའི་བུའི་བདུད་, wyl. lha’i bu’i bdud).
Im Vajrayana gibt es eine andere Auflistung von Maras. Diese sind:
1) der Mara des Greifbaren (tib. ཐོགས་བཅས་ཀྱི་བདུད་, wyl. thogs bcas kyi bdud);
2) der Mara des Nicht-Greifbaren [immateriell] (tib. ཐོགས་མེད་ཀྱི་བདུད་, wyl. thogs med kyi bdud);
3) der Mara des Vergnügens (tib. དགའ་བྲོད་ཀྱི་བདུད་, wyl. dga‘ brod kyi bdud); und
4) der Mara der Selbstgefälligkeit (tib. སྙེམས་བྱེད་ཀྱི་བདུད་, wyl. snyems byed kyi bdud).
Für Praktizierende des Chöd (tib., gcod) ist es wichtig, beide Kategorien zu kennen, da es sowohl Sutrayana-Chöd-Linien wie auch Vajrayana-Chöd-Linien gibt. Chöd – das Durchtrennen – ist eine äußerst kraftvolle Praxis, die fundamentalen Gewohnheiten des Greifens nach und Festhaltens an einem Ich und einer fixen Identität abzuschneiden und somit auch die fundamentale Täuschung über die wahre Bestehensweise der Phänomene zu beseitigen. Machig Labdrön – die „einzige Mutter, die Leuchte aus Lapchi“ – hat auf Basis der Prajnaparamita und den Lehren von Padampa Sangye dieses Set an Methoden manifestiert. Im folgenden Gespräch mit ihrem Sohn Gangpa Muksang erläutert sie in ihren Erklärungen zum Chöd die Sicht auf die vier Maras.

Aus den Erklärungen der Machig Labdrön

„Machig-la, was ist nun die genaue Bedeutung von ‚Mara [Teufel]‘?“ fragte Gangpa Muksang.
„Sohn, höre! Dies sind die Merkmale Maras (tib., bdud). Das, was ‚Mara‘ genannt wird, ist nicht irgendein großes, dickes, schwarzes Ding, das einen, sobald jemanden, der es erblickt, verscheucht und versteinert. Ein Mara ist nichts anderes, dass das Erlangen der Freiheit behindert. Daher können sogar liebe und herzliche Freunde zu Maras [in Hinblick auf] Freiheit werden. Unter allen gibt es keinen größeren Hindernismacher, als das Festhalten an einem Selbst. Bis also diese Ich-Fixierung durchtrennt ist, warten die Maras mit offenen Mündern. Aus diesem Grund musst du dich in einer geschickten Methode des Auflösens des Maras der Ich-Fixierung üben. Als Beigabe gibt es noch drei Teufel, die aus der Ich-Fixierung geboren sind, somit haben wir vier Hindernismacher, die aufgelöst [durchtrennt] werden müssen. Das sind ihre Namen:

  • Mara des Greifbaren (tib.,thogs bcas kyi bdud) und
  • Mara des Nicht-Greifbaren (tib.,thogs med kyi bdud),
  • Mara des Vergnügens (tib.,dga‘ brod kyi bdud) und
  • Mara der Selbstgefälligkeit (tib., snyems byed kyi bdud).

Dies sind die die vier Teufel der Ich-Fixierung.“

Der Mara des Greifbaren

„Der Mara des Greifbaren (tib.,thogs bcas kyi bdud) ist die Form, die mit dem Auge gesehen wird. Anziehung entsteht in Bezug auf eine schöne Gestalt und die Geisteshaltung der Ablehnung entsteht hinsichtlich einer unangenehmen Form. Auf dieselbe Weise tauchen gute und üble Klänge, Gerüche, Geschmäcker und Gewebe als Sinnesobjekte für das Auge, die Nase, Zunge und den Körper auf und verursachen Anziehung oder Ablehnung. Dies nennt man den Mara des dualistischen Greifens. Man ist von der [als wirklich] wahrgenommenen Existenz als ein Sinnesobjekt angezogen und die Sinnesorgane sind vom eigentlichen Gegenstand der [Anziehung oder] Ablehnung gefangen genommen. Das schafft die Bedingung für die Qual der fühlenden Wesen und so wird es zur Ursache für die Bindung in der zyklischen Existenz. Aus diesem Grund wird es Mara [Teufel] genannt. Und es wird ein Hindernismacher genannt, weil man in den angenehmen und unangenehmen Objekten, die wirklich existieren, gefangen ist. Daher ist dies der ‚materielle Teufel‘.
„Daher, mein Sohn, ist jedes schöne oder unangenehme Ding, an dem jemand mit Anhaftung festhält, ein Mara. Egal um was es sich handelt, du musst dich von Anhaftung und Klammern befreien. Und was die Form betrifft, die eigentliche Essenz der Form ist von Natur aus leer. Daher, mein Sohn, weil diese Gestalt ihrer Natur nach ohne wirkliche Existenz ist, solltest du auf diese natürliche Leerheit ohne Anhaftung oder Ablehnung an die Gestalt meditieren. Du kannst Form nicht am Erscheinen hindern, [aber erkenne, dass sie] bloße Erscheinung ist, ohne Greifen nach einer gültigen Existenz. Durch das Auslöschen des Festhaltens an der bloßen Erscheinung, wirst du von Form befreit sein, edler Sohn. Dasselbe ist bei Klang, Geruch, Geschmack und Gewebe. Sei dir dessen bewusst. Das ist die Seinsweise des greifbaren Mara und das ist die der Pfad der Befreiung von diesem greifbaren Teufel.

Der Mara des Nicht-Greifbaren

„Höre, mein Sohn. Der Mara des Nicht-Greifbaren (tib.,thogs med kyi bdud) entsteht so, also pass auf und lass deinen Geist nicht umherwandern. Das, was ‚der nicht-greifbare Teufel‘ genannt wird, erscheint nicht als ein tatsächliches Sinnesobjekt. Vielmehr ist er jegliches gute oder schlechte Konzept, das in unserem Geist entsteht. Dies wird Dämon (tib., dre) genannt, wenn man es als eine furchteinflößende Erscheinung auffasst, die Schrecken verursacht und wird Gott genannt, wenn man es als reine Erscheinung versteht, die eine heitere und angenehme Erfahrung bewirkt. Auf diese Weise wird der Geist durch das geistige Greifen nach den beiden Konzepten von guten und schlechten Bedingungen von Emotionen gestört. Obwohl die störenden Emotion ohne tatsächliche Stofflichkeit ist und es keinen realen, tatsächlichen Gegenstand gibt, hat sie die Fähigkeit, einem eine gewisse Qual zuzufügen, indem sie einen veranlasst, unheilsame Handlungen auszuführen, daher wird dies Mara [Teufel] genannt. Weil es kein realer Gegenstand ist und keine tatsächliche, materielle oder sinnesbehindernde Eigenart hat, wird die als Mara des Nicht-Greifbaren bezeichnet.
„Die Natur des Geistes (tib., sems nyid), die sich auf die Dualität von Fehlern und Qualitäten fixiert, wie auch auf das Gute als ‚Gott‘ und das Schlechte als ‚Dämon‘, hat selbst an sich nicht eine Haaresbreite einer tatsächlichen Realität in ihrem eigenen fundamentalen Grund. Daher wird das auch als Leerheit ohne Wurzel und Grund (tib., gzhi med rtsa bral) bezeichnet. Versuche nicht, die Eindrücke zu behindern und jene, die im Geist erscheinen. Auch versuche nicht, die verschiedenen guten und schlechten Gedanken und Erinnerungen zu blockieren. Unterhalte keine Vorstellungen über sie. Welche Gedanken und Erinnerungen auch entstehen mögen, halte dich nicht damit auf, bei ihnen zu verweilen und über sie nachzudenken. Geist an sich ist die klare Natur des riesigen Raumes und jeder Gedanke oder jede Erinnerung auch immer kann darin entstehen. So wie Wellen im Ozean ohne einen Beweger entstehen können, genauso kann jede Art von guten und schlechten Gedanken im Geist entstehen. Wenn du den Geist an seinem eigenen Ort ohne Unterbrechung ruhen lässt, dann wird der Mara des Nicht-Greifbaren durch Glanz unterworfen. Lösche dualistisches Greifen des Denkens aus und lass den Geist in seinem eigenen Zustand ohne Störung zur Ruhe kommen, dies wird den Mara des Nicht-Greifbaren an seinem eigenen Ort befreien, edler Sohn.

Der Mara des Vergnügens

„Der Mara des Vergnügens (tib.,dga‘ brod kyi bdud), so wird gesagt, ist die geistige Anhaftung daran, was einen erfreut und erhebt, wodurch eine große Freude in einem entsteht. Die Ursachen dafür können eine gewaltige Menge an weltlichem Ansehen, Gewinn oder Ruhm sein, ein großes Gefolge, das Gesicht der Gottheit erblicken, die Schmerzen von Krankheit lindern durch das Unterwerfen von Dämonen durch Zaubersprüche, das Entstehen von besonderen meditativen Erfahrungen, das Vorkommen von Klarsicht im plastischen Träumen, das Aufleuchten von Glückseligkeit und Macht in Körper, Rede und Geist oder die ausführliche Bedienung und Anbetung durch die Opferung von Nahrung, Reichtum und Genüssen durch Götter, Dämonen und Menschen, die unwiderstehlich gefangen sind. Das Erfreuen und Außer-sich-sein von irgendeinem dieser, bewirkt große Arroganz und großen Stolz und wird zu einem Hindernis auf dem Pfad zur Freiheit, daher wird das Mara genannt. Diesem wurde der Name ‚Teufel des Vergnügens‘ gegeben.
„Daher, welche guten Dinge sich auch ergeben, wie immer sie entstehen, angesichts der Untrennbarkeit von Erscheinung und Geist, halte nicht an diesen Qualitäten als Qualitäten fest. Da weder der Geist, der sich erfreut und außer sich ist, noch der Gegenstand dieses Geistes auch nur eine Haarspitze von Dauerhaftigkeit, wahrer Existenz haben, fasse diese als eine Illusion oder einen Traum auf. Praktiziere so, als ob es eine Illusion oder ein Traum wäre. Ruhe im Zustand der Leerheit, frei von allen [trennenden] Extremen eines Geistes, der über seine Qualitäten oder seine Objekte sich hämisch freut. Auf diese Weise, so wie du auf die illusorische, traumgleiche Natur aller Phänomene inmitten großer Leerheit frei von Extremen meditierst und in den Pfad integrierst, wird der traumgleiche Teufel der Erhöhung abgeschnitten und das Wohlergehen aller illusorischen, traumgleichen Wesen wird sich einstellen, edler Sohn.

Der Mara der Selbstgefälligkeit

„Weil die Wurzel dieser drei Maras sich von der Selbstgefälligkeit ableiten, ist es äußerst wichtig, die Wurzel der Selbstgefälligkeit abzuschneiden. Selbstgefälligkeit (tib., snyems) bedeutet Ich-Fixierung (tib., bdag dzin). So gesehen ist die Ich-Fixierung die Wurzel aller Probleme und die Ursache für das Umherwandern in der zyklischen Existenz, daher ist sie der Teufel, der dem Erlangen der Freiheit entgegensteht. Also wird sie der Teufel der Selbstgefälligkeit oder der Teufel der Ich-Fixierung genannt. Der Geist, der an einem Selbst festhält, wo es kein Selbst gibt, ist gestört. Sodann hält der begriffliche Gedanke jegliches gutes oder schlechtes geistiges Erscheinen fest und fixiert es als wahre Existenz. Das wird Selbstgefälligkeit genannt.
„Das Objekt (dasjenige, das sich überhöht) und das Subjekt (das was überhöht), oder „Ich“ und „mein“, alle äußeren und inneren Phänomene werden durch die zeitlose Weisheit des selbsterkennenden Gewahrsein (tib., rang rig) als nicht-existent, ohne wahre Realität erkannt. Die Wurzel der Fixierung auf eine wahre Existenz wird vom Objekt abgezogen. Sobald eine Überhöhung über Gedanken auf gut und schlecht nicht mehr länger erscheint, ist Freiheit von den Extremen aller begrifflichen Ausschmückungen, die geistige Schöpfungen und geistiges Streben verursachen, gegeben.

Vergänglich – enteignet von geistigen Bezeichnungen.
Geistig frei und leicht – Fixierung auf ein Ich ist ausgelöscht.
Angeboren – nicht in der Lage, von emotionalen Umständen gestört zu werden.
Klar – Bewusstsein frei von äußeren und inneren Dualitäten.
Transparent – Gewahrsein frei von Anhaftung an allesmögliche.

„Sobald du frei von der Überhöhung auf eine Fixierung auf wahre Existenz bist, wirst du mit dem unwahren, raumgleichen Absoluten begegnen. Dies durchtrennt den Teufel des überhöhten Objekts. Wenn der Mara des überhöhten Objekts durchtrennt ist, dann sind alle Teufel, die aus störender Emotion entstehen, abgeschnitten. Wenn es ein Ego gibt, dann gibt es den Mara. Wenn kein Ego da ist, dann gibt es auch keinen Mara. Im Nicht-Ich gibt es kein Objekt, das abgeschnitten wird und daher auch keine Angst und keinen Schrecken. Diese zeitlose Weisheit des Gewahrseins, frei von Extremen erweitert die Intelligenz um alles Wissen zu umfassen. Dies wird die Frucht der Befreiung von den vier Maras genannt.
„Dies sind ein paar Worte der Erklärung zur Aufzählung der vier Maras und die Art, wie man die vier Teufel durchtrennt und sie in ihrem eigenen Grund befreit, um die letztendliche Frucht zu erlangen. Gangpa, Sohn mit karmischer Vorsehung und all ihr Glücklichen, merkt Euch das. Beeilt Euch und bemüht Euch! Macht dies zu Eurer Dringlichkeit und erzeugt den weiten Geist der Selbstlosigkeit.“ So sprach sie.

Aus Machig Labdröns Erklärungen zum Chöd (tib., phung po gzan skyur gyi rnam bshad gcod kyi don gsal byed; Seite 84ff). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012).

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