Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. April 2017

Gefühlsverzerrungen durchtrennen

ChodChöd ist die Praxis um die Ich-Anhaftung oder auch Ich-Illusion, die die Grundlage der Unwissenheit und die neurotischen Gefühlsverzerrungen die, welche auch die vier Maras genannt werden, abzuschneiden.

Diese vier Maras sind :

  1. der Mara des Greifbaren (eigentlich unser 6-faches Sinnesbewusstsein in unserem Geist. Unsere 6 Sinne: Augen, Ohren, Nase, Zunge, Haut und Gedanken greifen nach Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung und Vorstellung. Diese Sinnesobjekte verwirren den Geist: das ist der erste, der blockierende Mara.
  2. der Mara des Nicht-Greifbaren: er hängt nicht von äußeren Objekten ab, sondern ist im Geist selbst. Ein Gedanke löst den anderen ab in einem nicht abreißenden Strom mentaler Aktivitäten.
  3. der Mara der Erhöhung. Wenn wir glücklich sind oder erregt, dann will unser Geist in diesen freudigen Gefühlen verharren.
  4. der Mara der Ich-Anhaftung bzw. Ich-Aufblähung, er ist die Wurzel der anderen drei Maras.

Alle dualistischen Gedanken und quälenden Emotionen, die durch sinnliche Begierden verursacht werden, endlose Gedankenketten und Anhaften an freudvolle Gefühle sind nach Machig Labdön im Göttersohn Teufel (devadatta mara) enthalten. Sie sind die Wurzel des Samsara, die es abzuschneiden gilt.
Dabei umfasst das Chöd die 6 Paramitas:

  1. seinen Körper zu opfern ist Großzügigkeit.
  2. Ihn zu geben ohne Anhaftung und Bedingung ist die Praxis des Ethischen Verhaltens.
  3. Ihn darzubringen ohne Furcht und Faulheit ist die Praxis der Geduld.
  4. Freudig zu Geben ist die Praxis der Ausdauer.
  5. Ihn einsgerichtet zu geben ist die Praxis der einspitzigen Konzentration
  6. und wenn man Mahamudra während dieser Opferung realisiert, ist es die Praxis der transzendentalen Weisheit.

Der Endzweck des Chöd besteht darin, durch die Zertrümmerung der zwanghaften Ich-Fixierung, den Praktizierenden aus dem Gefängnis der dualistischen Sichtweise zu befreien. Man tritt so durch Einweihung und Praxis direkt in die nackte Präsenz der Natur des Geistes ein.
Die Natur des Geistes, das in jedem Wesen angelegte Erleuchtungspotential, ist weder an Ethnie noch an Religion gebunden und kann daher von jedem spirituell Strebenden, allerdings erst nach langen Vorübungen schließlich realisiert werden.
Diese nackte Präsenz ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Das „Ich“ muss nicht, ja kann gar nicht verschwinden. Es ist von vornherein nie vorhanden, sondern geschieht – entsteht illusorisch – durch einen Mangel an Gewahrsein, ein Ergreifen, ein Benennen und Daran-Festhalten. Es ist einfach ein Konstrukt, einfach ein Vorgang des „Ich“-Denkens, „Ich“-Sagens und des Handelns zum „Ich“-Vorteil. Wir stellen dieses „Ich“ als Bezugspunkt für unsere gesamte Welterfahrung auf und versuchen über mannigfaltige Weise – besonders über Emotionen – uns ein „Ich“-Gefühl zu vermitteln. Dadurch fühlen wir uns dann auf eigenartige Weise lebendig. Aber dieses Ego-Konstrukt ist sehr fragil und unbeständig. Daher versuchen wir es so krampfhaft festzuhalten. Aber es ist nichts da, was zu halten wäre. Wir versuchen lediglich an Meinungen – über uns, die Anderen, die Welt etc. – festzuhalten. Der Mensch verweilt so in der zyklischen Existenz, weil er die ursprüngliche Bewusstheit in die Begrifflichkeit des Verstandes verwandelt hat. Dieses begriffliche Haften gilt es wieder in den lichthaften Urzustand zurückverwandeln.
Verbleibt man unabgelenkt im meditativen Zustand, folgt den auftauchenden Gedanken nicht, dann können diese das ursprüngliche Bewusstsein auch nicht verdunkeln, da sie ja keine Substanz haben und man eben nicht daran festhält. Wie Wellen und deren Schaumkronen wogen sie auf dem Ozean des Geistes auf und ab, sind nicht getrennt von ihm, sondern von einer Essenz.
Es gilt also hier vorerst im Rahmen der Einweihung einen Samen in den Bewusstseinsstrom des Einzelnen zu pflanzen, der dann durch sein eigenes Bemühen und das Zusammentreffen der günstigen Umstände zur Erleuchtung führen muss.

Die Worte des Tsa Ugh Rinpoche als Einleitung zur Chöd-Einweihung „Das Öffnen des Himmelstores“.

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