Verfasst von: Enrico Kosmus | 8. Mai 2017

Die Klinge aus Himmelseisen

SONY DSCEine Aktivitätspraxis ist ein geschicktes Mittel zur Verwirklichung der Selbstnatur. Nach einer tantrischen Ermächtigung werden die im Geistesstrom gelegten Samen durch eine Visualisation und Rezitation zum Wachstum und zur Reife geführt.
Auch in der Meditationspraxis (Sadhana), durch die eine Ermächtigung dann in den spirituellen Pfad gebracht wird, gibt es dieses Leerwerden durch die Meditation der (dreifachen) Leerheit und anschließendem stufenweisen Hervorbringen der Elemente. In der Nyingma-Tradition erfolgt dies durch drei Versenkungen (Samadhi). Die erste Versenkung ist der Samadhi der Leerheit, die zweite ist der Samadhi des Ausstrahlens und die dritte ist der Samadhi der Ursache in Form der Keimsilbe. Auf diese Weise erfolgt in der Sadhana eine beständige Bereinigung der unreinen Identität. Diese unreine Identität – „Ich“ genannt – wird ja durch die Sadhana in eine reine Sicht auf sich selbst und die Welt als Gottheit und Mandala verwandelt.
Die folgenden Zeilen sollen als Inspiration dienen und einen kurzen Einblick gewähren, wie eine Sadhana strukturiert ist. Bestimmte Textstellen sowie Visualisation und Mantra-Rezitationen werden hier nicht genannt, da diese eine Ermächtigung erfordern. Doch die grundsätzliche Praxisstruktur kann geschildert werden.

Die verborgene, geheime Herzenspraxis des glorreichen Vajrakilaya, das Ritualhandbuch für die Meteoriteisenklinge, die Mara besiegt, genannt: „Das Fest der klaren Manifestation des Heruka.“
SONY DSCHingebungsvoll verneige ich mich zu Füßen des allesdurchdringenden Meisters, dem Guru Vajra Thödrengtsal, der untrennbar vom Herukas ist, der die Maras bezwingt. So schrecklich, dass man ihm nicht widerstehen kann, mit anziehender, fesselnder Jugendlichkeit, so erstrahlt er außerst zornvoll im funkelnden Licht von 100.000 Sonnen und unter seinem Tanz der Zerstörung erbegen die drei Welten. Sein gänzlich schmähendes Gelächer erschallt aus der Ferne wie tausend Donnerschläge und das wilde Donnern seines reinen Gewahrseins-Mantras lässt die Gehirne der gesamten Mara-Klasse in Stücke zersplittern. Sein gemeinsam entstandenes Weisheitsmitgefühl, die ungetrennte Leerheit und Klarheit, die sich in hunderten Erscheinungen der großen Glückseligkeit manifestiert, ist im friedlichen Dhatu vereint, der den gesamten Raum umfasst. Möge in diesem Bereich der Verwirklichung wahre Form der erleuchteten Aktivität aller Siegreichen ohne Ausnahme, der große glorreiche spirituelle Krieger, der Heruka, bitte seine Vollmacht erteilen. Seine erleuchtete Aktivität ist der Lebensessenznektar der „100.000 überragenden Sammlungen des reinen Gewahrseins“, der Schriftenmacht, die mit dieser „Verborgenen geheimen Herzessenz der Dakinis“ verbunden ist, die „Meteoriteisenklinge, die Mara besiegt“. Weil ich mich an diesem „Fest der Manifestation des Herukas“ erfreue, dem Bezwinger von Mara, dem Träger der Schädelmala, der männlichen und weiblichen Gottheit, zusammen mit den Dakinis und den Wächtern, die die geheimen Lehren halten, gewährt bitte die Gelegenheit für die Gewährung der Lehre mit freudigem Lächeln und gewährt den ausgezeichneten Sieg über die Armeen der Hindernisse.
Dahingehend wird vom Praktizierenden die Ermächtigung in das Wurzel-Mandala in Übereinstimmung mit der Tradition genommen. Der Yogi hält die allgemeinen und besonderen Phurba-Samayas weiterhin vollständig rein. Indem er die überragende und feste Absicht trifft, die zwei Arten der Siddhis zu erlangen, sollte er gewissenhaft sich in den Methoden der Annäherung und der Vollendung dieser äußerst ausgezeichneten der höchsten Gottheiten anstrengen. Durch diese eigentliche Form, die als die Macht und Fähigkeit der erleuchteten Aktivität aller Siegreichen erscheint, werden die Scharen der Hinderer, der Maras, der feindlichen Kräft und Geister, die aus den Samaya-Brüchen entstehen und die alle Charakteristika für dieses Zeitalter des Niedergangs sind, augenblicklich unterworfen. Seine höchsten und allgemeinen Siddhis werden mit Leichtigkeit gewährt und die Macht seines Mitgefühls ist speziell rasch verglichen mit anderen Yidams. So ist er bestimmt die einzige Herzensgottheit aller verwirklichten Vidyadharas von Indien und Tibet.
SONY DSCWenn du also die Stufen seiner Ritualpraxis in dein Herz aufnehmen willst, dann solltest du zuerst die Praxishütte reinigen, dich auf einem Leichenplatz oder an einem Ort niederlassen, der alle entsprechenden Merkmale aufweist und geistig förderlich ist. Dann solltest du diesen mit einer Vielzahl an Schmuck aufputzen, der attraktiv aussieht. Vor dir, wo die besondere Stütze für die Praxis aufgebaut hast – das gesegnete Bildnis der Samaya-Form der Samaya-Gottheit oder eine andere Repräsentation von ihm – solltest du die äußeren, inneren und geheimen Samaya-Substanzen als Opfergabe in einer Reihe aufstellen. Zusätzlich solltest du alle notwendigen Gegenstände, wie die Erfordernisse für Tshog und Torma, die speziellen Musikinstrumente etc., zusammentragen. Für die eigentliche Praxis gibt es drei Stufen: 1) die Vorbereitungen; 2) die Hauptpraxis; und 3) die nachfolgenden Praktiken.
Dann die Vorbereitungen. Hier gibt es elf Abschnitte: 1) Zufluchtnahme; 2) Bodhicitta erzeugen; 3) Verdienst ansammeln; 4) Hindernisse bannen; 5) den Schutzkreis errichten; 6) Fehler und Übertretungen bekennen; 7) das symbolische Tor öffnen; 8) symbolische Niederwerfungen ausführen; 9) das Samaya einhalten; 10) den Segen herabbringen; und 11) die Opfergaben segnen. […] Die Erscheinungswelt ist seit allem Anfang an rein. In der gewaltig großen Weite des grundlegenden Raumes ist ihr natürlicher Ausdruck das spontan entstandene, uranfängliche Weisheits-Mandala des Vajrakilaya. Nachdem man dies symbolisch durch geschickte Mittel ausgedrückt hat, meditiert man, dass das Tor zur selbstentstandenen visionären Erfahrung geöffnet wird und das Mandala den gesamten Raum durchdringt. […] Mit dem wunderbaren Gedanken, dass man schon mit dem manifesten wahren Antlitz der uranfänglichen Weisheitsgottheit zusammengetroffen ist, welche niemals mit dem eigenen Gewahrsein zusammenkommt oder sich davon trennt, verweilt man in der essentiellen spontanen Klarheit und rezitiert: […] Das angeborene reine Gewahrsein, die eigentliche Essenz von Vajrakumara, ist durch diskursive Gedanken plötzlich verschleiert. Seine inhärente Macht und Kreativität kommen nicht durch. Dies meditiert man, bis sich die Siddhis der drei Vajras tatsächlich manifestiert haben, aus dem hohlen Raum in den Befleckungen selbst auftauchen, so wird man das Herz-Samaya nicht vermeiden können. […] Der Vidyadhara-Guru und die Gottheiten des Mandala des großen glorreichen Kilaya kommen wie Wolkenmassen am Himmel zusammen. Man meditiert, dass die gesamte belebte und unbelebte Welt als der große uranfängliche Weisheitsausdruck in der großen Weite seiner Reinheit gesegnet wird. […] Dies sind die grundlegenden Stufen der Praxis.

Hauptpraxis

SONY DSCDann die Hauptpraxis. Diese besteht aus elf Stufen: 1) die Visualisation des Samaya-Mandalas; 2) Weihe und Ermächtigung; 3) Einladen der Weisheitsgottheiten; 4) ihnen einen Sitz anbieten; 5) Verbeugungen; 6) Opfergaben; 7) Lobpreisungen; 8) Anrufungen; 9) Mantra-Anrufung; 10) Rezitation des Mantras; 11) der Yoga für die Sitzungspausen. Die Visualisation des Samaya-Mandalas. Dieses hat zwei Teile: 1) die Ursache – das Errichten der inneren Struktur durch die drei Samadhis; und 2) das Resultat – das Erschaffen des Mandalas der Stütze und des Unterstützten. Das erste hat drei Abschnitte: 1) Der Samadhi der Soheit. Der Vajra des grundlegenden Zustandes der Leerheit, leuchtend wie die eigentliche Essenz des reinen Selbstgewahrseins der unterscheidenden Weisheit, durchtrennt die diskursiven Gedanken der fünf Gifte in den ursprünglichen Raum. Man lässt den Geist in diesem Zustand der uranfänglichen Reinheit zur Ruhe kommen, die gleich wie der Raum ist. […] 2) Der universell erscheinende Samadhi. Man stellt sich vor, dass Leiden entwurzeln soll, die aus der Verwirrung der Wesen entsteht, die das nicht erkennen. Große Lichtstrahlen des Mitgefühls gehen aus und durchdringen die Bereiche der fühlenden Wesen. 3) Der ursächliche Samadhi. Man meditiert, dass aus der Sphäre von Leerheit und Mitgefühl ungetrennt, die Ursache, die die Quelle des gesamten Mandalas ist, die blaue Keimsilbe HUM, in den Lichtstrahlen der fünf uranfänglichen Weisheiten erscheint, auf eine Art, in der sie als eins erstrahlen. […]
Erstens die Meditation der Stufen für das Aufbauen der Elemente, die die Stütze für den unermesslichen Palast bilden. Im Schutzkreis erscheinen aus der ursächlichen Keimsilbe HUM nacheinander die einzelnen Keimsilben. Die Elemente erscheinen nacheinander und übereinander, dann die acht Leichenplätze und der von Feuer umgebene Gipfel des Berges Meru. Dann im Zentrum ist der Palast des große Glorreichen, die natürlichen Qualitäten des äußeren Palastes, kostbare Juwelen und innen die Zitadelle der Schädel. Man meditiert, dass sich dieser leuchtende unermessliche Palast ganz klar mit allen seinen Maßen und wesentlichen Merkmalen völlig vollendet in einem Augenblick manifestiert. […] Danach die Meditation der Gottheiten, die sich darin befinden. Diese hat drei Teile. Zuerst die Erschaffung von einem selbst als Wurzel-Mandala. Man meditiert, dass die Lichtstrahlen von der Keimsilbe ausstrahlen und wieder zurückkehren, und dass man selbst in der Form des großen Glorreichen völlig vollkommen ist. […]
[…] Das rezitiert man und visualisiert ganz klar und deutlich das Wurzel-Mandala des Heruka Yab-Yum und ihre magischen Ausdruck ihres Geistes uranfänglicher Weisheit, die fünf Familien. Dann in den zehn Richtungen die Erzeugung des Mandalas der Zornvollen. Man stellt sich vor, dass Bodhicitta-Wolken der Hauptgottheiten Yab-Yum in meditative Vereinigung eintreten und auf die zehn Richtungen herabkommen. Durch ihre vollständige Verwandlung ist das gewaltig große Mandala der Zornvollen spontan vollendet. […]
Dies rezitiert man und sieht die verschiedenen Opfergaben im Einklang mit der letztendlichen Wahrheit als vom selben Geschmack in ihrer nicht-diskursiven, nicht-erdachten, unbegrenzten elementaren Natur, die die unvorstellbare uranfängliche Weisheit ist. […] Beim Lobpreis meditiert man mit geistiger Klarheit auf die wahrhaft wunderbaren, grenzenlosen großen erleuchteten Qualitäten der Scharen der Gottheiten. […]
Man rezitiert in einem Zustand der unabgelenkten, klaren Manifestation der Gottheitenversammlung der drei Mandalas im Allgemeinen und insbesonders sich selbst als das Wurzel-Mandala Yab-Yum in seiner korrekten Erscheinung – mit den Gesichter, Armen, dem Schmuck, den Gewändern und feinen Einzelheiten. […] Weiters verwendet man beim Rezitieren die Methode, die wie eine Fakel ist, die einen Feuerkreis erzeugt, als ob man einen Bienenstock zerstört, wie Funken bei der Arbeit eines Schmiedes sprühen und nimmt dazu die philosophische Sichtweise des Pfades ein etc. Diese Schlüsselpunkte sollten aus den Kernanweisungen verstanden werden. […] Dies rezitiert man, sodass der nicht-begriffliche Geist ganz klar ist, ohne diskursive Gedanken und ist in einem Zustand, der so rein wie das Herz des Himmels ist. Leer in seiner natürlichen Eigenschaft, so wie die unaufhörliche Schöpfungskraft des Gewahrseins, die drei Mandalas. In dem Moment, wo dies erscheint, belässt man die die sechs Bewusstseine natürlich entspannt im ungeborenen reinen Zustand, dem es jeglicher Selbstnatur mangelt, im reinen Gewahrsein des Nicht-Greifens. Man sollte das Mantra ohne Greifen rezitieren. Sein leerer Klang erscheint aus dem Zustand reiner Lichtheit und des lebhaften Leuchtens, welcher jenseits von Gedanken und frei von Extremen ist.

Abschluss

Drittens, zum Abschluss die Stufen der Aktivitätspraxis. Diese hat elf Abschnitte: 1) die Tshog-Opferung; 2) Ermahnung; 3) an das Versprechen erinnern; 4) das Waffenritual; 5) die alten Schützerinnen; 6) den Pferdetanz ausführen; 7) das Opfer der Danksagung; 8) die Gottheit um Vergebung bitten; 9) die Auflösung des Mandalas; 10) das Ziel zum Ausdruck bringen; und 11) die Rezitation der Glückwünsche.
Durch diese Rezitation und durch andere passende Verse wird die Rezitation der Glückwünsche zu einer gewaltig großen Wortgirlande vermehrt und das heilsame Gute erscheint in allen Zeiten und an allen Orten und durchdringt sie völlig. Die erleuchteten Aktivitäten des großen Glorreichen, die einzige Verkörperung der Aktivitäten der Siegreichen, der Kreis des großen Mandalas des Vajrakumara werden in diesem Schatz dargelegt, der eine wunscherfüllende Kuh ist, die die zwei Siddhis erzeugt: die reine Essenz der Verwirklichung des Ansatzes der tantrischen Praxis, der Ermächtigung und Kernanweisungen; die unvergleichliche Darlegung und Perspektive des weisen Gelehrten aus Orgyen; die Bedeutung, die durch die tiefgründigen und geheimen Termas beabsichtigt ist; das reinigende Wasser des Ganges; die heiligen Anweisungen, die mit den Linien ausgestattet sind, die vom giftigen Wasser der schlechten Gedanken nicht verfälscht und mit dem Elixier befeuchtet sind. Mit der Gewissheit seiner völligen reinen schriftlichen Autorität und ohne Verwirrung wird diese Zusammenstellung der Ritualpraxis im Detail gegeben, die eine Brücke zur vollständigen Freude der vom Glück begünstigten Suchenden ist, das Fest der klaren Manifestation des Herukas.
Dies ist die „Die verborgene, geheime Herzenspraxis des glorreichen Vajrakilaya, das Ritualhandbuch für die Meteoriteisenklinge, die Mara besiegt, genannt: „Das Fest der klaren Manifestation des Heruka.“ Aufgrund des Flehens kluger Suchender auf diesem Pfad, habe ich den Wunsch gehabt, mir und vielen anderen wirklich zu nützen. Im Einklang mit den Absichten der Kernanweisungen habe ich die maßgeblichen Praktiken des Hauptrituals für die verborgene Praxis miteinander kombiniert. Wenn die Gelegenheit für die Ausführung der Abschnitte des Rituals naht, kann man es ausstatten mit allem, was passend erscheint und mit der Praxis fortfahren.

Kolophon

Ich, Jigdral Yeshe Dorje Geleg Nampar Gyalwa’i De, ein Sproß der Vidyadharas, näherte mich dem 29. Lebensjahr und schrieb dies im Jahr des Wasser-Affen im 16. Kalenderzyklus am ersten erfreulichen Tag der Methode des halben (zunehmenden) Mondes in der Konstellation des Pushya, am Tag des Gurus der Gottheiten (donnerstags), als die glückverheißende Verbindung der Pushya-Konstellation sich mit seiner lieblichen Frau traf.
Der Text wurde zum Glück im Bereich des glorreichen Herrschers im Zentrum von Pema Köd, im Khenpa-Tal, dem Zufluchtsort des Evam Dechen Chökhorling produziert. Dadurch mögen die erleuchteten Aktivitäten des wunderbaren, tiefgründigen Pfades sich verbreiten und anwachsen und für lange Zeit in allen Zeiten und an allen Orten verweilen. Mögen alle grenzenlosen fühlenden Wesen vollständig siegreich über die Armeen der vier Maras sein und mögen sie rasch die Stufe des großen glorreichen und siegreichen Vajrakumara erreichen! SARWA DA MANGALAM. JAYANTU.

Aus dem Text der Aktivitätspraxis des Vajrakilaya Namchag Putri, ein Schatztext gehoben von Dudjom Linpga, zusammengestellt für die Praxis von Dudjom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje. Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2016)

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