Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Juli 2017

Geist – leer und doch wissend klar

Shentong – leer von anders

Shentong (tib., gzhan stong) – Die Tradition der äußerlichen Leerheit oder des „anders leer sein“ des Madhyamaka. Diese Sichtweise wurde hauptsächlich von der Jonang-Tradition vertreten und behauptet, dass das Absolute nicht leer von sich selbst (rang stong) ist, sondern leer von allen anderen relativen Phänomenen.
Dieser Ansatz der „Anders-Leerheit“ wurde vom Dolpopa Sherab Gyaltsen erstmalig so bezeichnet.
Die Shentong-Schule interpretiert Leerheit so, dass eine Essenz der phänomenalen Wirklichkeit zugrunde liegt, die zwar nicht inhärent – also aus sich selbst heraus – existiert, aber die notwendige Grundlage für Dasein bildet und die leer von allen zeitweiligen, hinzugekommenen Qualitäten ist.
Diese Ansicht steht dem Ansatz der Yogacara-Schule und ihrer Darlegung über die Buddha-Natur sehr nahe. Ansätze dazu sind bei Asanga in seinem Uttaratantrashastra und in einigen Madhyamaka-Abhandlungen von Nagarjuna zu finden. Die Grundaussage von Shentong ist, dass alles leer von allen Eigenschaften ist, außer seiner innewohnenden Existenz, der innewohnenden Leerheit. Dieses innewohnende Leersein ist allen Phänomenen innewohnend und bezieht sich auch auf den „Großen Madhyamaka“ (tib., dbu ma chen po), eine Bezeichnung, die sowohl von Longchenpa und Mipham Rinpoche, wie auch Tsongkhapa für den Ansatz der Prasangika Madhyamaka verwendet wurde. Man sagt, dass der Abt Shantarakshita einer der ersten Vertreter der Shentong-Sicht in Tibet gewesen sein. Andere Stimmen sehen Shantarakshitas Ansatz jedoch mehr als Yogacara-Svatantrika-Madhyamaka an, in der er die philosophischen Ansätze von Nagarjuna und Asanga mit der Logik und Erkenntnistheorie von Dharmakirti vereinte.
Vertreter des Shentong-Ansatzes sehen ihren Ansatz öfters als verfeinerten Ausdruck des Madhyamaka und halten diese Sicht für die Frucht der meditativen Erfahrung, die nicht durch Debatte oder Konzepte verstanden werden kann. Somit wird bei diesem Zugang angenommen, dass der Rangtong-Ansatz für jene ist, die sich dem Dharma über philosophische Ansätze nähern, während der Shentong-Ansatz bei jenen Verwendung findet, die sich auf die meditative Praxis stützen. Gemäß der Shentong-Vertreter wird die Leerheit der letztendlichen Wirklichkeit nicht als das Leersein der erscheinenden Phänomene charakterisiert, sondern wird als lichthafter Geistesstrom (tib., ‚od gsal thugs rgyud) verstanden, der voll mit Buddha-Qualitäten ist. Diese Lichthaftigkeit (tib., ‚od gsal) – auch „Klar-Lichtheit“ genannt – kann auch als eine Art wissende Transparenz oder (er)-kennende Transparenz verstanden werden.

Rangtong – leer von selbst

Rangtong (tib., rang stong) bedeutet wörtlich „leer von selbst“. Die Anhänger des Rangthong Madhyamaka sagen, dass alle Phänomene – einschließlich der Buddha-Natur – leer von ihrer eigenen Essenz sind. Sie stimmen daher mit dem Ansatz des Shentong nicht überein, da diese aus ihrer Sicht in das Extrem eines Ewigkeitsglaubens fallen.
Diese Position besagt, dass alle Dinge von Leersein gekennzeichnet sind und zwar sowohl im relativen wie auch im absoluten Sinne. Diese Sicht bildet die Hauptposition im tibetischen Buddhismus beim Madhyamaka, die eine der philosophischen Hauptschulen ist, die die Auslegung der Sicht im Vajrayana in Tibet dominiert.
Der Begriff „Rangtong“ wurde vom Shentong-Theoretiker Dolpopa Sherab Gyaltsen verwendet, um seine Lehre der Dinge mit „Shentong“ zu bezeichnen und so eine Unterscheidung zu Rangtong zu schaffen. Tsongkhapa war ein führender Vertreter des Prasangika-Ansatzes der Madhyamaka-Lehren über Leerheit. Allerdings war Tsonkhapas Zurückweisung der Svatantrika-Position und seine Interpretation auch nicht unumstritten innerhalb der tibetischen Gemeinde, fand aber aufgrund der politischen Dominanz der Gelug-Tradition schließlich weithin Verbreitung.
Tsongkhapa sah Leerheit als eine Folge des bedingten Entstehens. Dies besagt, dass kein Phänomen eine Existenz von selbst aus bzw. von seiner Seite aus hat, sondern immer in Abhängigkeit zu anderen Phänomenen ins Dasein tritt. In seiner „Essenz der Beredsamkeit“ sagt er: „Was immer von Ursachen und Bedingungen abhängt, ist leer von innewohnender Wahrhaftigkeit. Welche ausgezeichnete Anweisung wäre wunderbarer als diese Entdeckung?“ Damit meint er, dass die Phänomene auf konventioneller Ebene durchaus existieren, aber dass sie auf letztendlicher Ebene keine Existenz aus sich selbst heraus haben. Sie weisen also keine unwandelbare Essenz auf.
Daher weisen die Anhänger der Rangtong-Sicht darauf hin, dass es keinen transzendenten Urgrund gibt, also eine letztendliche Wirklichkeit, die durch sich selbst existiert. Sie sagen, dass die Behauptung über eine solchermaßen letztendlich existierende transzendente Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Erfindung des Geistes.
Die Anhänger des Prasangika-Madhyamaka vertreten einen Ansatz völliger Negation einer substanziellen Letztendlichkeit. Diese Fehlen kann nicht als Ding oder Wesenheit an sich aufgefunden werden. Ein interessantes Beispiel dafür liefert Susan Kahn in ihrem Werk „The Two Truths of Buddhism and The Emptiness of Emptiness“, worin sie vermerkt, dass diese „Absenz nicht auffindbar ist, weil sie keine Entität ist, genauso wie ein Raum ohne einen Elefanten darin, keine elefantenlose Substanz beinhaltet. Selbst konventionell existiert Elefantenlosigkeit nicht.“ Daher verweist die letztendliche Wahrheit nicht auf eine Essenz an sich, obwohl alles daraus „gemacht ist“.

Kritik beider Sichtweisen

Jedoch ist die Kritik der Anhänger der Shentong-Sicht, dass die Rangtong-Sicht in das Extrem des Nichtigkeitsglaubens fällt. Die Shentongpa sagen, dass darunterliegend es die nicht zusammengesetzte Lichtheit der Buddha-Natur geben muss, die als Basis für Samsara und Nirvana und alle Qualitäten der Erleuchtung dient.
Ein recht interessantes Herangehen ist die gegenseitige Ergänzung von beständiger Negation in der Debatte und dem praktischen meditativen Ansatz, da bei Rangtong die beständige Negation der Eigenexistenz geschieht, während in der Meditation doch noch immer Erleben ohne Erleber ereignet. Somit kann der eine Ansatz als Gegenmittel für ein Fallen in eine extreme Sichtweise – Nichtigkeitsglaube oder Ewigkeitsglaube (Dinglichkeitsglaube) – des anderen gesehen werden.
Von der Gelug-Schule wurde die Jonang-Schule, die die Hauptvertreter dieses Shentong-Ansatzes waren, über viele Jahrhunderte aus politischen Gründen, wie auch aufgrund der Lehrauslegung unterdrückt. Aber auch in der Alten Übersetzungstradition – den Nyingmapas, sowie der Sakya-Schule und bei den Kagyüpas wurde der Shentong-Ansatz praktiziert. Im 19. Jhdt. versuchte Mipham Rinpoche beide Sichtweisen als Teil der Rime-Bewegung miteinander zu vergleichen, ihre jeweiligen Vorzüge und auch Kritikpunkte aufzuzeigen.

Mitte

Daher mag ich hier nochmals an die Darlegung von Jetsün Drakpa Gyaltsen aus dem „Aufgeben der Vier Anhaftungen“ (tib., zhen pa bzhi bral) erinnern: „Greifst du nach Existenz, gibt es keine Befreiung; greifst du nach Nicht-Existenz, gibt es keine höhere Wiedergeburt; greifst du nach beiden, bist du einfach unwissend, strenge dich also an, so gut es geht, in Nicht-Dualität zu verweilen! Alle Dinge und Ereignisse gehören dem Bereich des Geistes an: Ohne nach etwas zu suchen, das die vier Elemente erschafft, sei es bloßer Zufall oder ein allmächtiger Gott, verweile daher, so gut es dir gelingt, in der innersten Natur des Geistes!“

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