Verfasst von: Enrico Kosmus | 16. Juli 2017

Acht Wissenshalter (Vidyadhara)

PadmasambhavaDie acht Vidyadharas (tib., rig ‚dzin brgyad) sind acht indische Meister, die die ersten Empfänger der Lehren der Kagye (tib., bka‘ brgyad; acht Logos-Gottheiten) waren. Jeder einzelne dieser Vidyadharas empfing die jeweilige Praxis in einer bestimmten Schatulle. Daher ist mit den Vidyadharas auch ein Metall oder Stein verbunden, ebenso auch eine Himmelsrichtung. Alle diese Vidyadharas übertrugen später ihre Lehren der jeweiligen Logos-Gottheiten auf Padmasambhava, sodass dieser zum Haupthalter dieser Lehren wurde.
In der Nyingma-Tradition bildet die Praxis der Kagye die Essenz der Klasse des Mahayoga gemäß der Überlieferung, die als Mittel der Verwirklichung gilt. Diese können als gesamtes Mandala oder auch als einzelne Praktiken durchgeführt werden. Eine andere Klasse dazu sind die Schatztexte.

Vimalamitra

Vimalamitra – auch Mahavajra genannt – war einer der gelehrtesten indischen buddhistischen Meister seiner Zeit. Im Rahmen der Kagye verwirklichte er den Chemchog Heruka, dessen Lehren er in einer Schatulle aus Gold empfing.
Er ging im 9. Jhdt. nach Tibet, wo er 13 Jahre lang ausgiebig lehrte und zahlreiche Sanskrit-Texte verfasst und übersetzte. Die Quintessenz seiner Lehrtätigkeit findet sich im Vima Nyingthig – der Herzessenz der Großen Vollkommenheit – zusammengefasst.
Der Überlieferung nach ging er danach zum Wutaishan – einem heiligen Berg in China – wo er im Regenbogenkörper verweilt. Vorher versprach er, alle hundert Jahre wiederkommen wird. Am Wutai-Berg weilt er im Regenbogenkörper der Großen Übertragung bis alle 1002 Buddhas dieses glücklichen Zeitalters erschienen sind. Dann wird er wieder nach Indien an den Vajrasana (Bodhigaya) zurückkehren, wo er den Zustand der vollständigen und vollkommenen Erleuchtung manifestieren wird.

Humkara

Der HUM-Halter – wie Humkara übersetzt bedeutet – ist ebenfalls ein indischer Vidyadhara. Er empfing in einer Silberschatulle die Lehren des Yangdag Heruka und verwirklichte diese.
In eine Brahmanen-Familie geboren, war Humkara in den Veden sehr bewandert und ebenso in den nicht-buddhistischen Schriften. Später erst entwickelte er überragendes Vertrauen in die Lehren Buddhas und wurde von Buddhajnanapada und Rahulabhadra in Nalanda ordiniert. Dort verwirklichte er die Lehren der Prajnaparamita und studierte die äußeren und inneren Tantras. Da seine Einweihungsblume auf das Mandala des Yangdag Heruka fiel, widmete er sich für lange Zeit dieser Praxis und erlangte schließlich Verwirklichung darin. Im Rahmen seiner Verwirklichungspraxis fand er eine spirituelle Gefährtin mit den vollendeten Zeichen der Vajra-Familie.
Am Ende seines irdischen Lebens erhob er sich gleich dem König der Vögel – dem Garuda – in den Himmel und entschwand in das reine Land des Akshobhya.

Manjushrimitra

Ein früher Meister der Dzogchen-Linie war Manjushrimitra, der ein Schüler von Garab Dorje und der Hauptlehrer von Sri Simha war. Geboren wurde er in Dvikrma im Westen Indiens. Auch er war in den Veden und seinen Zweigen bewandert. Zusätzlich empfing er Ermächtigungen in den äußeren und inneren Tantras und erhielt von Garab Dorje die allgemeinen und besonderen Anweisungen der Großen Vollkommenheit. Berühmt wurde er für seine Anordnung er Dzogchen-Lehren in drei Klassen: 1) der Geist-Klasse; 2) der Raum-Klasse; und 3) der Klasse der Kernanweisungen.
Manjushrimitra empfing die Lehren des Yamantaka in einer Eisenschatulle. Zusätzlich empfing er auch das Geheime Tantra des zornvollen Manjushri, das zur Vairocana-Familie gehört. Weiters studierte er die Lehren des Schwarzen Yamari, des Sechsköpfigen und des Vajrabhairava unter dem Meister Lalitavajra.
Durch seine durch die Praxis des zornvollen Manjushri erlangten Wunderkräfte begegnete er eines Tages einem König auf einer Brücke. Dieser war ein Förderer der Tirtikas und ritt auf einem Elefanten. Da dieser nicht zur Seite weichen wollte, hob Manjushrimitra seinen Finger und spaltete König und Elefant in zwei Teile. Nachdem die Anhänger des Königs sich bei Manjushrimitra entschuldigt hatten und ihn um Vergebung baten, brachte dieser den König und den Elefanten wieder ins Leben zurück und lehrte ihm den Buddhadharma. Dabei vereinigte sich Manjushrimitra untrennbar mit Manjushri und erschien als Manjushri-Yamantaka.
Auch war Manjushrimitra als der Brahmane Sarasiddhi bekannt, der der Vater des indischen Meisters Jetari war, der von König Dharmapala verehrt wurde. Von Jnanavajra und Bodhivajra – zwei Schülern von Manjushrimitra – ist eine Vorhersagung in einem untergeordneten Kalachakra-Tantra überliefert. Weiters empfing sein Schüler Amoghavajra, der Ältere, den vollständigen Zyklus des Yamantaka von Manjushrimitra. Dies bildet den Ursprung des Yamantaka-Zyklus in Tibet im Rahmen der Kyo-Tradition.

Nagarjuna

Nagarjuna gilt als einer der sechs großen Kommentatoren von Buddhas Lehren und darf nicht mit Nagarjunagarbha, dem Opfermeister der Klosteruniversität Vikramashila, verwechselt werden. Mit seinen Lehren legte Nagarjuna die Grundlage für die Schule des Mittleren Weges (Madhyamaka), die als die höchste Sichtweise im Sutrayana gilt. Weiters gilt er als Offenbarer der Prajnaparamita-Sutras, die er aus dem Reich der Nagas auf die Erde brachte. Er wird auch zu den 84 Mahasiddhas gezählt.
Im Rahmen der Kagye empfing er in einer Kupferschatulle die Lehren des Hayagriva, einschließlich des „Spiels des überragenden Pferdes“, das zur Lotusfamilie mit Amitabha gehört. Weiters praktizierte er neben zahlreichen Tantras auch die acht Mahakala-Tantras, sowie das Tantra der Göttin Kali und die Verwirklichung der Kurukulla.
Nachdem er die mündlichen Anweisungen der Weisheits-Dakinis empfangen hatte, erlangte er sechzig verschiedene Arten der Verwirklichung und auch die allgemeinen und höchsten Siddhis. Schließlich blieb er für 200 Jahre im Kreise von Yakshinis und erlangte schließlich den Vajrakaya – den Körper der unzerstörbaren Wirklichkeit.

Prabhahasti

Der „Leuchtende Elefant“ – Prabhahasti – wurde in einer königlichen Familie im Westen Indiens geborren und nach seiner Ordination als Mönch Shakyaprabha genannt. Prabhahasti war in den Drei Lehrkörben (Tripitaka) sehr gelehrt und studierte mit Vajrahasya und anderen Meistern das Vajrayana. Schließlich erlangte er die höchsten Verwirklichungen und wirkte zusammen mit seinem Schüler Shakyamitra nachhaltig bei der Verbreitung des Buddhadharma in Kashmir.
Prabhahasti empfing die zur Karma-Familie gehörenden Vajrakila-Tantras in einer Türkisschatulle. Diese übertrug er später auf Padmasambhava, der diese in Yangleshö zur Beseitigung von Hindernissen erfolgreich praktizierte. Diese Hindernisse in Yangleshö waren ein eigensinniger Naga, eine pferdeköpfige Yakshini und ein Geist aus einer Blitzwolke. Nachdem Padmasambhava die zwölf Matrikas – die Erdmütter – und die vier weiblichen Geister unter Eid gebunden hatte, studierte er viele Male das Vajrakila Tantra unter Prabhahasti. Auf diese Weise meisterte er die erleuchtete Aktivität.

Dhanasamskrita

Dhanasamskrita empfing die Lehren der Mamo Bötong (tib., ma mo rbod gtong) – der befreienden Magie der Muttergottheiten – in einer Schatulle aus Rhinozerushorn. Über sein Leben ist wenig bekannt, außer dass er in der Gegend von Thogar in Uddiyana geboren wurde.

Rombuguhya

Ein weiterer indischer Meister, Rombhuguhya, empfing in einer Schatulle aus Achat die Lehren der Jigten Chötö (tib., ‚jig rten mchod bstod) – der weltlichen Gottheiten. Auch über sein Leben findet sich kaum etwas.

Shantigarbha

Als letzter der acht Vidyadharas wird Shantigarbha gezählt. Dieser empfing in einer Schatulle aus Dzi-Stein die Kagye-Lehre des Möpa Dragngag Tantra (tib., dmod pa drag sngags) – des üblen zornvollen Mantras, die zu den drei weltlichen Gottheiten der Kagye zählt. Auch über ihn weiß man heute kaum etwas.

Die Praxis der Versammlung der Vidyadharas ist in verschiedenen Lehrzyklen bekannt. Der berühmteste Zyklus ist die Rigdzin Düpa (tib., rig ‚dzin ‚dus pa) aus dem Zyklus des Longchen Nyingthig. Doch auch Dudjom Lingpas Praxis des friedvollen Gurus in seinem ersten Band enthält eine Praxis der Vidyadharas. Diese ist mit weiteren Praktiken zur Ergänzung verbunden. Dazu gehören neben der Ermächtigung, die kurze tägliche Praxis, die ausführliche Aktivitätspraxis inkl. Ganachakra, eine Langlebenspraxis, ein Feueropfer (tib., me mchod), bei dem zur Bereinigung von Fehlern Sesamsamen oder Senfsamen verbrannt werden, ein Brandopfer (tib., sbyin sreg), bei dem verschiedene Arten von Nahrung und kostbare Dinge im Feuer dargebracht werden, sowie noch eine Anleitung für das Herstellen eines Lebenskraftamuletts, um den Segen der Praxis zu bewahren und eine Anleitung für die Praxis der inneren Hitze (tib., gtum mo).

Diese Praktiken werden im Rahmen des Ngakpa-Retreats 2017 bei der Ermächtigung in die Versammlung der Vidyadharas übertragen.

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