Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Juli 2017

Männer, Frauen und Mönche – Dharma in Tibet

the-law-of-the-2454702_1920Als Guru Padmasambhava nach Tibet kam, hatte er im Laufe der Jahre 25 Herzensschüler (tib., rje ‚bangs nyer lnga), denen er die wichtigsten Lehren übertrug. Eine Liste dieser Schüler findet sich im Lama Gongdü. Gewöhnlich werden der Dharma-König Trisong De’u-Tsen und 24 oder 25 Schüler aufgezählt. Wie aus der tibetischen Bezeichnung „rje“ ersichtlich ist, ist damit der König gemeint und das „‚bangs“ bezeichnet 25 Untertanen.
Als Herzensschüler werden im Vajrayana jene Schüler bezeichnet, die ein spezielles Verhältnis zum Lehrer haben. Doch stellen sie in Tibet die Basis für die Überlieferung des Vajrayana dar. Guru Padmasambhava übertrug allen diesen 25 Schüler bestimmte Lehren, auch mit der Prophezeiung verbunden, in zukünftigen Zeiten wieder in Erscheinung zu treten und diese Lehren zum gegebenen Zeitpunkt zu offenbaren und zu verbreiten. Daher gehen viele Tulkus (tib., sprul sku) – Nirmanakaya-Erscheinungen bestimmter Lehrer – auf diese 25 Schüler zurück.

25 Herzensschüler

In den Schilderungen der Lebensgeschichten der verschiedenen Förderer und Schüler sieht man deutlich, welche Bedingungen für die erfolgreiche Verbreitung des Buddhadharma zusammentreffen müssen. Die drei Dharma-Könige Tibets – Songtsen Gampo, Trisong De’u-Tsen und Tri Ralpachen – waren unerlässlich für die institutionelle Sicherheit und auch Finanzierung bei der Etablierung der Lehren. Großartige Lehrer und tantrische Meister wie Shantarakshita, Padmasambhava oder Vimalamitra lehrten Sutrayana, Vajrayana und Dzogchen. Übersetzer wie Vairocana u.a. waren für die korrekten Übersetzungen verantwortlich. Und hingebungsvolle Schüler wie die 25 Herzensschüler wurden zu Halter der Lehren, sodass nachfolgende Generationen bis heute davon profitieren.
Im Lama Gongdü werden folgende Personen als Herzenschüler von Guru Rinpoche gezählt: der Dharma-König Trisong De’u-Tsen, Kharchen Za Yeshe Tsogyal, Denma Tsemang, Nanam Dorje Dudjom, Drogben Khye’u-chung Lotsawa, Lasum Gyalwa Jangchub, Nganlam Gyalwa Chogyang, Dre Gyalwa’i Lodrö, Nyag Jnanakumara, Kawa Paltseg, Langdro Könchog Jungne, Sogpo Lhapal, Nub Namkha’i Nyingpo, Nanam Zhang Yeshe De, Lhalung Palgyi Dorje, Palgyi Senge, Kharchen Palgyi Wangchug, Odren Palgyi Wangchug, Palgyi Yeshe, Shubu Palgyi Senge, Ma Rinchen Chog, Nub Sangye Yeshe, Pagor Vairocana Lotsawa, Ba Yeshe Yang und Gyalmo Yudra Nyingpo.

Acht Hauptschüler und andere

Die acht Hauptschüler von Guru Rinpoche in Tibet, die auch die Lehren der acht Sadhanas empfingen, waren der Dharma-König Trisong De’u-Tsen, Yeshe Tsogyal, Namkha’i Nyingpo, Sangye Yeshe, Gyalwa Choyang, Palgyi Yeshe, Palgyi Senge und Vairocana.
Weitere Schüler waren Acharya Sale, der spirituelle Gefährte von Yeshe Tsogyal, Nyangben Tingdzin Zangpo, Chokro Lu’i Gyaltsen, der Prinz Yeshe Rölpa Tsal, der Prinz Mutri Tsenpo und die Prinzessin Pema Sal.

Sieben Mönche

Weitere wichtige Personen für das Etablieren der Lehren waren die sogenannten „Sieben Menschen, die geprüft wurden“ (tib., sad mi mi bdun). Diese waren die ersten sieben, die vom Abt Shantarakshita in Tibet die Mönchsweihen empfingen. Einigen Schriften zufolge waren es drei jüngere, drei ältere und ein mittlere. Andere listen namentlich folgende auf: 1) Ba Trizig; 2) Ba Salnang; 3) Ba Trisher; 4) Pagor Vairocana; 5) Ma Rinchen Chog; 6) Gyalwa Chogyang; und 7) Khön Lu’i Wangpo Sungwa. In einer anderen Quelle sind auch noch Chim Sakyaprabha, Tsang Legdrub und Lasum Gyalwa Jangchub genannt. Was auch immer die Zählung ergeben mag, so war die monastische Ordination ein wichtiger Schritt in der Festigung des Buddhadharma in Tibet. Aufgrund von Förderungen der Klöster konnte sich der Dharma in Tibet rasch verbreiten. Doch blieb dies nicht ohne Folgen. Da Tibet zu dieser Zeit auch ein Krieg treibendes Land war, wurden durch eine übergroße Förderung der Klöster viele Menschen aus dem landwirtschaftlichen Erwerbsprozess abgezogen, wodurch es dann dem tibetischen Heer an wirtschaftlichen Ressourcen mangelte. Diesen Mangel zu beheben, war das Ziel der Klosterschließungen von Langdarma. In den tibetischen Überlieferungen wird dies natürlich von den Vertretern der monastischen Schulen als besonders dramatisch beschrieben und als ein Verbot des Dharma allgemein dargestellt. Jedoch wurden lediglich die überbordenden Forderungen und Wünsche der Klöster radikal beendet, während der Dharma durchaus weiterhin von den tantrischen Haushältern praktiziert wurde. Allerdings war die monastische Überlieferung und Praxis zu dieser Zeit unterbrochen. Erst durch die nach der Ermordung Langdarmas einsetzende allgemeine Erneuerungsbewegung wurde die monastische Tradition wiederbelebt.

Frauen im Dharma

Allerdings gelangte die vollständige Bikshuni-Ordination nie nach Tibet, wodurch Frauen in der monastischen Praxis bis ins 21. Jahrhundert eingeschränkt blieben. Sie konnten nie die vollständigen Gelübde nehmen.
Als tantrische Praktizierende hingegen stand ihnen die gesamte Lehre und Praxis der Lehren des Buddha offen. Auf diese Weise ist Tibet auch zu einem Land zahlreicher verwirklichter Frauen geworden, deren Bekanntheit und Ruhm oft im Schatten der traditionellen Strukturen blieb.

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