Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Juli 2017

Selbst und Wiedergeburt

Von Vasubhandu

VasubandhuDie „Verse der Abhandlung des Abhidharma“ von Vasubhandu sind ein Schlüsselwerk zum Abhidharma. Diese wurden im 4. oder 5. Jhdt. von Vasubhandu in Sanskrit verfasst und fassen die Sicht und die Lehrsätze der Sautrantika in ca. 600 Versen zusammen. Dieser Text wurde von verschiedenen buddhistischen Schulen in Indien, Tibet und Ostasien geschätzt und verwendet. Darin behandelt er verschiedene Kritikpunkte der Sarvastivadins, Vaibhashikas usw., sowie der Pudgalavadins. Hier folgt nun Vasubhandus Darlegung über Wiedergeburt.

Die Nicht-Buddhisten, die an ein Selbst glauben, sagen: „Wenn man anerkennt, dass ein Wesen in einen andere Welt hinübergeht, dann ist damit das Selbst (Atman), an das ich glaube, bewiesen.“

Anatman – Nicht-Selbst

Um diese Lehre zurückzuweisen, sagt Vasubandhu: „Das Selbst (Atman) existiert nicht. Das Selbst, an das ihr glaubt, eine Wesenheit, die die Skandhas der einen Existenz aufgibt und die Skandhas einer anderen Existenz annimmt, ein innerer Ausführender der Tat, ein Purusha – dieses Atman (Selbst) existiert nicht. Tatsächlich sagte der Gesegnete (Buddha): „Handlung existiert und Resultate existieren, aber es gibt keinen Handelnden, der diese Skandhas hier aufgibt und jene Skandhas dort annimmt, unabhängig von der ursächlichen Beziehung der Dharmas. Was ist diese ursächliche Verbindung? Und zwar wenn dies existiert, dann existiert jenes. Durch das Entstehen von diesem, gibt es das Entstehen von jenem. Das ist wechselseitig bedingtes Entstehen.“

Atman – konventionelles Selbst

„Gibt es dann,“ fragen die Nicht-Buddhisten, „eine Art von Atman, das du nicht negierst?“
„Nur die Skandhas, bedingt durch Befleckung und Tat inkarnieren durch sich selbst wieder, durch eine Serie von Zwischenzuständen. Ein Beispiel dafür ist eine Lampe.
Wir leugnen kein Selbst, das durch Bezeichnung existiert, ein Selbst, das nur ein Name ist, welcher den Skandhas gegeben wird. Aber nichts ist uns ferner als der Gedanke, dass die Skandhas in eine andere Welt hinübergehen! Sie sind vorübergehend und flüchtig und unfähig des Fortziehens. Wir sagen, dass das Fehlen jeglichen Selbst, jedes dauerhaften Prinzips, die Reihe der bedingten Skandhas, „gemacht aus“ den Befleckungen und Taten in den Schoß der Mutter eintritt, und dass diese Abfolge vom Tod bis zur Geburt fortgesetzt wird und durch eine Abfolge von ersetzt wird, die sich aus dem Zwischenzustand bildet.

Eine Abfolge der Skandhas

Im Einklang mit seiner projizierten Ursache wächst die Abfolge stufenweise und aufgrund der Befleckungen und Taten geht sie wiederum in eine andere Welt.
Taten, deren Vergeltung man ihrer Natur nach in diesem Leben erfährt, unterscheiden sich entsprechend der Wesen. Nicht alle Reihen der Skandhas werden zur selben Zeit in die Existenz projiziert, wo sie entstanden sind. Diese Reihen setzen sich dann bis zu dem Ausmaß fort, wo sie hin projiziert werden. Dieses Wachstum ist stufenweise, wie die Schriften lehren: „Die erste (Stufe) ist kalala, die (zweite Stufe) arbuda entsteht aus der kalala, die (dritte Stufe) peshin entsteht aus arbuda, die (vierte Stufe) ghana entsteht aus peshin und aus der (Stufe) ghana erscheint die (Stufe) prashakha, Haare, Körperhaare, Nägel etc. und die materiellen Organe mit ihren Stützen.“ Kalala etc. sind die fünf Stufen des Embryos.

Embryoreifung

Wenn dann der Embryo, dieser Thron, herangereift ist, dann erscheinen im Schoß Winde auf, die aus dem Reifen der Taten entstehen, die bewirken, dass sich der Embryo dreht und sich in Richtung seiner Geburtsöffnung legt. Es ist schwierig sich zu bewegen, wie eine große Masse verborgener Unreinheit. Manchmal stirbt der Embryo ab, entweder aufgrund der unvorteilhaften Ernährung der Mutter oder aufgrund der Taten. Dann legt eine kundige Frau ihre Hände eine scharfe Klinge haltend in diese wunde, übelriechende und feuchte Öffnung, die der Schoß ist, nachdem sie (die Hände) mit allen Arten von Drogen benetzt hat. Sie zieht den (toten) Embryo heraus, nachdem sie ihm die Glieder abgeschnitten hat. Und die Reihen (der Skandhas) des Embryos gehen aufgrund der Tat wo anders hin.
Oder die Geburt verläuft glücklich. Die Mutter und die Diener nehmen das neugeborene Kind in ihre Hände, die sich für das Neugeborene wie Messer und Säure anfühlen, das nun so empfindlich wie eine offene Wunde ist. Jemand wäscht das Kind, jemand nährt es mit Milch und frischer Butter und später mit fester Nahrung. So wächst es heran. Aufgrund seiner Entwicklung reifen die Organe und die Befleckungen beginnen aktiv zu werden, wovon wiederum Tat entsteht. Und wenn der Körper stirbt, gehen die Reihen (der Skandhas) aufgrund der Befleckungen und Taten in eine nächste Existenz über, durch das Wirkende des Zwischenzustandes, wie zuvor erwähnt.

Ohne Anfang und Ende

Auf diese Weise ist der Kreis der Existenz ohne Anfang. Entstanden aufgrund von Befleckungen und Taten, Befleckungen und Taten aufgrund von Entstehen, entstehen aufgrund von Befleckungen und Taten: der Kreis der Existenzen ist somit ohne Beginn. Damit es beginnen könnte, wäre es notwendig, dass das erste Element keine Ursache hätte. Und wenn ein Phänomen ohne eine Ursache erscheint, dann würden alle Phänomene ohne Ursachen erscheinen. Nun zeigt aber die Bestimmung von Zeit und Ort, dass ein Same einen Sprössling hervorbringt, das ein Feuer kocht. Daher gibt es kein Erscheinen, das keine Ursachen hat. Andererseits wurde die Theorie einer einzigen und dauerhaften Ursache bereits oben zurückgewiesen. Deshalb hat der Kreis der Existenz keinen Anfang.
Aber Geburt, die aus Ursachen herrührt, würde nicht geschehen, wenn ihre Ursachen zerstört würden. Auf dieselbe Weise würde ein Sprössling nicht erscheinen, wenn sein Same verbrannt würde.

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