Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Juli 2017

Erleuchtetes Wunderwirken

end-of-the-world-342343_1920Übernatürliche Phänomene und Zauberkräfte sind auch den verschiedenen buddhistischen Traditionen nicht fremd. Neben der Befreiung, die durch die Realisation der Leerheit aller Phänomene erreicht wird und sich in der Manifestation des Dharmakaya verkörpert, gibt es auch noch einen weiteren Aspekt, den des Formaspekts. Dieser Formaspekt manifestiert sich in einem subtilen und einem groben Aspekt. Diese werden Sambhogakaya und Nirmanakaya genannt. Die Formmanifestation ungetrennt vom grundlegenden Leersein dient dem Wohl der Wesen und wird dazu benutzt, auch Wesen, die schwer zu zähmen sind, zu führen.
Magische Kräfte wurden im Buddhismus schon immer als eine natürliche Folge von höheren spirituellen Errungenschaften angesehen und waren unauflösbar mit der Ausführung bestimmter Ritualformen verbunden. Da aber momentan die Vorstellung besteht, Buddhisten sitzen arhatgleich in Gleichmut, wird die Dimension der Wunderkräfte gerne ignoriert. Ein Grund dafür mag vielleicht sein, dass man die magischen Traditionen im Westen auch nicht mehr verstanden und wegen der mechanistischen und materialistischen Machbarkeit abgewertet hat. Im Westen gab es im Spätmittelalter bis ins 19. Jhdt. hinein eine reich blühende Literatur der Zauberbücher (Grimoire), in denen bestimmte Rituale höherer und niederer Natur dargelegt wurden.

Die Zauberbücher des Buddhismus

Dennoch ist es wert, sich mit diesem Aspekt der Lehre Buddhas näher zu befassen, da sich in verschiedensten Aufzeichnungen Hinweise dazu finden. Zwar findet man im Palikanon keine offensichtlichen Anleitungen, dennoch spricht der Buddha im Samannaphala Sutta über die allgemeinen und höheren Wunderkräfte, genauso wie im Mahasakuludayi Sutta entsprechende Hinweise zu finden sind. Im Mahasakuludayi Sutta steht: „Genau so habe ich meinen Schülern den Weg verkündet, wie man die verschiedenen Arten von übernatürlichen Kräften beherrscht: nachdem sie einer gewesen sind, vervielfältigen sie sich; nachdem sie sich vervielfältigt haben, werden sie einer; sie erscheinen und verschwinden; sie gehen ungehindert durch eine Wand, durch eine Einzäunung, durch einen Berg, als ob sie sich durch den freien Raum bewegten; sie tauchen in die Erde ein und aus ihr auf, als ob sie Wasser wäre; sie gehen übers Wasser gehen, ohne zu versinken, als ob es Erde wäre; sie reisen im Lotussitz durch den Raum, wie ein Vogel; sie berühren und streicheln mit der Hand den Mond und die Sonne, die so kraftvoll und mächtig sind; sie haben körperliche Beherrschung, die sogar bis zur Brahma-Welt reicht.“
Wie daran zu erkennen ist, wurden diese Lehren nicht der Allgemeinheit dargelegt, sondern nur einem kleineren Kreis an Schülern erteilt. Später wurden einige dieser Rituale und Zauberformeln auch in den Mahayana-Sutras wie z.B. dem Lankavatara-Sutra aufgezeichnet. Solche magischen Kräfte wurden von den Bodhisattvas manifestiert, um das Leiden der Wesen zu beseitigen und sie zur Befreiung zu führen. Diese Kräfte fallen in die Kategorie der „Geschickten Mittel“ (skt., upaya).
In Form von Zauberbüchern finden sich heute auch in der tibetischen Dharma-Tradition zahlreiche Texte zu diesem Thema. Ein wahrer Fundus dieser Grimoire-Literatur ist die „Sammlung kostbarer Schätze“ (Rinchen Terdzö; tib., rin chen gter mdzod), das von Jamgon Kongtrul Lodrö Thaye im 19. Jhdt. zusammengestellt wurde und aus 111 Bänden besteht. Einige Bände sind dieser Grimoire-Literatur gewidmet. Doch auch im Yuthog Nyingthig finden sich Anweisungen zu Heil-Mantras und zur Herstellung von Amuletten, genauso auch bei Ju Mipham Rinpoche, u.a. im Maha-Ati-Zyklus von Dudjom Lingpa oder in Panchen Nazawas „Naza Be’u Bum“ (tib., na bza‘ be’u bum) – einer Sammlung von esoterischen medizinischen Vorschriften und magischen Formeln für die Behebung verschiedener Leiden – oder dem Bari Be’u Bum von Bari Lotsawa, einer Sammlung, die auch verschiedenste Heilmantras und Anrufungen enthält, um nur einige wenige zu nennen.
Im Vajramala-Tantra wird gesagt: „Wenn jemand die Meditationsgottheit entsprechend dem Tantra praktiziert, erreicht er alle Verwirklichungen.“ Mit diesen Verwirklichungen sind die höchsten und gewöhnlichen Errungenschaften gemeint. Als höchste Errungenschaft gilt die Befreiung oder auch die Große Übertragung in den jugendlichen Vasenkörper oder die Realisation des Regenbogenkörpers. Die gewöhnlichen Errungenschaften sind besondere psychische Kräfte, Hellsehen, Bilokation oder ähnliches.

Vierfaches erleuchtetes Wirken

Man kennt im Dharma vier Arten der erleuchteten Aktivität. Diese ergeben sich aus den Mantra-Siddhis, der Kraft durch Versenkung in die Mantra-Visualisation und –Rezitation. Als Vorbedingung für die erfolgreiche Anwendung muss die Praxis der Meditationsgottheit ausgeführt werden, wobei der Aspekt der Visualisation und Erzeugung dieser Meditationsgottheit entscheidend ist. Durch die vierfache Ermächtigung wird man in diese Praxis eingeführt und lernt im Laufe der Praxis das gewöhnliche Konzept des Körpers zu transformieren, sodass die vier erleuchteten Aktivitäten erfolgreich ausgeführt werden können.
Die erleuchtete Aktivität des Befriedens wird eingesetzt, um Krankheiten zu heilen, äußere und innere Hindernisse zu beruhigen, gegen störende Gefühle, gegen Geister, Dämonen und alles, was Schwierigkeiten bereiten könnte. Die erleuchtete Aktivität des Vermehrens führt zum Anwachsen von Lebensspanne, Wohlstand, Ansehen, Ausstrahlung, Gefolge und Verdienst, sowie den eigenen Erfahrungen und der Realisation. Die erleuchtete Aktivität des Magnetisierens ist ein Heranziehen und unter Kontrolle bringen von hartnäckig störenden Wesen. Man verschafft sich auf diese Weise auch Respekt. Auf diese Weise werden Wesen unter Dienst gestellt und unterworfen, man hat die Kraft, andere Wesen wie weltliche Gottheiten, Geister und Dämonen – also alle nichtmenschlichen Wesen – anzuziehen und von ihnen ihre magischen Kräfte zu erlangen. Die erleuchtete Aktivität des „Heiligen Zorns“ ist eine machtvolle, zornvolle Ritualhandlung. Diese wird gegen rigide Geisteshaltungen eingesetzt, gegen die zehn Feinde des Dharma, aber auch gegen Geister und Dämonen, um ihr reines Bewusstsein aus dem Festhalten an Form zu befreien und ihre Elemente zu transformieren.
Wesentlich für das Ausführen dieser erleuchteten Ritualhandlungen sind die Grundlagen des Dharma – Zuflucht; Bodhicitta; reine Sicht; die Fähigkeit, Wesen auf den Pfad der Befreiung zu führen usw.

Weltliche Wunderkräfte

Zu den gewöhnlichen Verwirklichungen zählen das Siddhi des Schwertes, das Siddhi der Augenmedizin, das Siddhi der Pillen, das Siddhi des schnellen Gehens, das Siddhi des Sehens unter die Erde, das Siddhi der Unsichtbarkeit, das Siddhi des langen Lebens und das Siddhi, durch das man Kupfer und Eisen in Gold verwandeln kann.
Es hängt von der eigenen Realisation ab, ob man diese Siddhis verwirklichen kann. Nicht alle können dies. Auch gliedern sich die gewöhnlichen Verwirklichungen in drei Gruppen: 1) niedere Siddhis; 2) mittlere Siddhis; und 3) höhere Siddhis. Zu den niederen Siddhis gehören die vier Aktivitäten und die zwölf Taten, die mit den vier Aktivitäten in Verbindung stehen. Zu den zwölf Taten gehören u.a. Fähigkeiten wie, Wesen zu kontrollieren, zu fangen, sie heranzuziehen, zu trennen usw. Die acht Vollendungen wurden bereits zuvor genannt. Zu den acht höheren Siddhis zählt die Fähigkeit, in verschiedenen Manifestationen den Wesen zu nützen, Kontrolle über die Lebensdauer zu haben oder sich in verschiedene Formen zu verwandeln.

Außergewöhnliche Kräfte

Zu den außergewöhnlichen Siddhis zählen die Fähigkeit, sich in verschiedenen Formen z manifestieren, die Körpergröße zu verändern, das Körpergewicht zu verändern, die Fähigkeit des Durchdringens von fester Materie, sowie einen durchsichtigen Körper zu manifestieren. Man kann den Regenbogenkörper manifestieren, man geht in den Raum ein und man erlangt den Vajra-Körper, die Vajra-Rede und den Vajra-Geist. Und schließlich ist es die Befreiung in die letztendliche Realität aller Dinge, sowie das Erkennen der relativen Wahrheit.

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