Verfasst von: Enrico Kosmus | 15. September 2017

Reif für die Zuflucht?

Oder doch nur für die Insel?
tibet-895496_1920Manche fragen sich ja, ab wann sie Buddhist_in sind. Tja, es ist die Zuflucht, die Buddhisten von Nicht-Buddhisten unterscheidet. Für manche ist das natürlich schon ein bisschen eine Herausforderung, weil gerade einmal aus einer religiösen Gemeinschaft entfleucht, wollen sie sich nicht schon in die Arme der nächsten werfen. Darum prüfe wohl, wer sich bindet – kann man auch an dieser Stelle sagen.
Aber keine Sorge auch die Zuflucht selbst ist nicht das allererste. Um überhaupt Zuflucht nehmen zu können, diese Zuflucht auch zu praktizieren, benötigt es vielleicht ein wenig Information vorab, damit die Qualität der Zuflucht auch erkannt wird. Wenn ich die Struktur jetzt mal anhand der tibetischen Tradition aufzeige, dann einfach, weil mir diese Tradition sehr vertraut ist. Aber etwas abgewandelt, lässt sich vieles auch aus anderen Traditionen erklären.
Also… bevor man überhaupt Zuflucht nimmt, denkt man zuerst über bestimmte Dinge nach und kommt zu einem Entschluss. Egal in welcher Tradition, man beschäftigt sich mit einigen grundlegenden Aspekten des Lebens – noch nicht einmal mit dem Dharma, obwohl der dabei schon hilfreich ist – und gelangt zur Einsicht, dass die zyklische Existenz einfach eine Wandelwelt und ein ewiges Jammertal ist. In der tibetischen Tradition wird das über die „Vier Gedanken, die den Geist wandeln“ durchgemacht. Da wird eben über 1) die kostbare menschliche Geburt mit ihren 8 Freiheiten, 10 Ausstattungen und das 3-fache Vertrauen; dann 2) über Vergänglichkeit und Unbeständigkeit; dann 3) über Leidhaftigkeit und Unzulänglichkeit aller zusammengesetzten Erscheinungen und der bedingten Erlebnisse nachgedacht; und schließlich 4) über die Unausweichlichkeit der Taten und ihrer Resultate.
Wenn man wirklich durch reifliches Nachdenken, Untersuchen und Prüfen zur Einsicht gelangt ist, dass diese menschliche Geburt, die man jetzt hat, das Beste ist, was einem bisher passiert ist, dass man auf den Dharma getroffen ist, der auch gelehrt wird und man diesen auch anwenden kann (oder zumindest könnte), dann will man etwas Sinnvolles aus diesem Leben machen. Wer weiß, wann man wieder diese Chance hat?!?! Wenn man erkennt, das nicht – ausnahmslos nichts – bleibt und man realisiert, dass man sterben wird, ohne diese kostbare Gelegenheit zu nutzen, dann ist es, als ob man von einer Schatzinsel mit leeren Händen zurückkehrt. Und wenn man versteht, dass es nirgendwo „die süße Chilli-Schote“ gibt, dass es nirgendwo in diesem Auf und Ab des bedingten Daseins einen einzigen Moment gibt, der wirklich völlig frei von Sorge oder Qual ist, dann hört man einfach auf, nach diesen bedingten Erlebnissen zu gieren und kommt einfach zur Ruhe. Und wenn man schließlich begreift, dass Motivation und Handlungen ganz bestimmte und nicht x-beliebige Resultate nach sich ziehen und man dadurch in der Lage ist, Glück und Unglück selbst zu steuern, gelangt man wirklich zu einer Selbstverantwortung, die frei von Projektionen macht. Nicht andere oder die Umstände sind für das eigene Wohl und Wehe verantwortlich. Nein, man hat’s selbst in der Hand.
Und auch wenn man das alles wirklich gemäß dem Lehrbuch durchgearbeitet und reflektiert hat, ist man noch immer nicht reif für die Zufluchtnahme. Man hat an dieser Stelle vielleicht eine gewisse Ent-Täuschung erfahren und fühlt sich etwas angewidert von der Wandelwelt (Samsara). Da fragt man sich erstmals, was einem wirklich dauerhafte Ausrichtung und beständige Zuflucht bieten kann. Und dann begibt man sich auf die Suche nach einem „spirituellen Freund“ (kalyanamitra). Dabei ist auch wichtig, dass man zwischen einem echten spirituellen Freund bzw. Lehrer und einem Poser unterscheiden lernt. Das ist besonders wichtig, weil man sonst nicht wirklich Vertrauen in den Pfad schöpfen kann. Danach muss man auch wissen, wie man sich dem spirituellen Freund und der Lehre aufrichtig nähert. Das ist vielen auch nicht ganz klar. Da schwanken manche zwischen Unterwerfung und Naivität, oder es triggert ihnen einfach ihre Autoritätsprobleme. Wurscht erstmal. Erst jetzt ist man aber in der Lage, sich wirklich auf die Drei Juwelen einzulassen und kann Zuflucht nehmen. Ab dieser Stelle ist man dann in den Dharma wirklich eingetreten und beginnt ihn auch zu praktizieren, d.h. anzuwenden, sodass sich auch die versprochenen Resultate ergeben. Vorher hat man vielleicht vieles ausprobiert, aber die Tiefe und Ausrichtung hat immer gefehlt. Vom Erleuchtungsgeist (Bodhicitta) hab ich jetzt noch gar nix erwähnt, weil der kommt erst dann. Und das ist dann auch so ein Thema, das nicht einfach mit „lieb guck“ und „wart mal, ich helf dir“ abgehandelt wird. Da gibt’s natürlich auch formale Aspekte und ganz bestimmte Zugänge, Ansätze und Sichtweisen, die verstanden und praktiziert werden müssen. Sonst wird’s einfach nix.
Die geschilderte Struktur hier ist natürlich tibetische Dharma-Tradition. Aber man findet bei ein bisschen Suche auch Entsprechendes im Palikanon. Die kostbare menschliche Geburt wurde vom Buddha das eine oder andere Mal auch im Palikanon erwähnt, wo er einmal Shariputra geschimpft hat, weil dieser einen Mann bloß zu einer Wiedergeburt im Götterbereich verholfen und nicht zur Befreiung geführt hat. Über Vergänglichkeit kann man wunderbar bei den Leichenbetrachtungen nachdenken. Leidhaftigkeit und Karma sind sowieso ein beständiges Thema auch im Palikanon. Wie man sieht, der Pfad hat bis zur Zuflucht (und dann auch zu Bodhicitta) in den Traditionen schon denselben Geschmack – nämlich „gaga“, weil man eben an dieser Stelle den schalen Geschmack der Wandelwelt realisiert. Und dieses „gaga“ ist aber hier schon ein Hinweis auf den Geschmack der Befreiung. Man lässt einfach dieses neurotische Festhalten an Identitätsfindung und Ichbestätigung bleiben. Man erkennt die Nutzlosigkeit des ganzen Unterfangens, das seine Ausrichtung bloß auf das Äußerliche, das Weltliche hat. That’s it. An dieser Stelle, mit dieser Einsicht kann man Zuflucht nehmen und ihre Praxis – nicht nur das 3-malige Aussprechen, sondern auch das Einhalten der Zufluchtsverpflichtungen – bringt einen ungeheuer großen Segen. Man fällt tatsächlich nicht mehr in niedere Bereiche, weil man einfach eine sichere Ausrichtung erlangt. Diese sichere Ausrichtung ist jedoch nicht einfach ein naiver Glaube an ein verstorbenes Wesen – Shakyamuni Buddha, an eine Doktrin, die es dogmatisch zu befolgen gäbe oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – einem spirituellen Clan.
Sondern man beginnt diese Gelegenheit des Lebens wirklich wertzuschätzen. Die Drei Juwelen – Buddha, Dharma, Sangha – sind einfach Inspirationen und weisen den Weg. Keine Dinge an die man glauben müsste. Sie sind einfach „der Finger, der zum Mond zeigt“. Und dieser Mond ist die ursprüngliche Natur des Geistes, die in jedem von uns schlummert.

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