Verfasst von: Enrico Kosmus | 4. Februar 2017

Erfolgreiche Lösungen – frei von Fixierung

cho%cc%88d_baumWiederum sprach Gangpa: „Mutter, aus dem ungeborenen, gänzlich reinen Bereich der Wirklichkeit zeigt Ihr die Erscheinung der Geburt als Emanationskörper – der gewöhnliche Körper, geschmückt mit der erwachten Betrachtungsweise. Zu Euren Füßen verneige ich mich, Einzige Mutter, die den Wesen hilft. Diese heilige Dharma des Chöd hat äußere, innere, geheime Methoden und Methoden der Soheit des Durchtrennens. Bitte erkläre dies ganz und gar und ich werde zuhören.“
„Sohn, höre. Dieses Dharma-System von mir muss in vier Aspekte aufgeteilt werden: äußere, innere, geheime und jene der Soheit. Zuerst werde ich die vier Aspekte oder Objekte (tib., yul) des Durchtrennens erklären. Mache den besonders verfolgten Ort zum äußeren durchtrennten Gegenstand. Mache Krankheit und böse Geister zum inneren Objekt, das abgeschnitten werden muss. Mache diskursive Gedanken und Wahrnehmungen zum geheimen Objekt, das durchtrennt wird. Und Mach die drei oder fünf Gifte zum Soheits-Gegenstand des Durchtrennens, Sohn.
„Nun, die ‚Kontrolle‘ geschieht folgendermaßen. Äußerlich um die Götter und Dämonen zu beherrschen, sei ohne Anhaftung und frei von Klammern. Innerlich um Krankheit und negative Kräfte zu beherrschen, sei frei von Konzepten des Helfens und Leidens. Im Geheimen um geheime diskursive Gedanken zu beherrschen, sei frei vom Bezug auf gut oder schlecht. In der Soheit, um alles zu beherrschen, sei frei von der Basis und Wurzel des Geistes.
„Nun zur Ausführung der äußeren, inneren und geheimen Beweise des Durchtrennens. Wenn du nicht erschrocken bist, egal welch furchteinflößende Erscheinungen von Göttern und Dämonen auch vorkommen mögen, dann ist das ein äußerer Beweis des Durchtrennens. Wenn du begreifst, dass welche Krankheit, welches Leiden oder welch störende Emotion auch auftaucht, Karma ist, dann ist das der innere Beweis des Durchtrennens. Wenn du keine Verärgerung darüber empfindest, wenn gute, schlechte oder mittlere diskursive Gedanken auftauchen, dann ist das der geheime Beweis des Durchtrennens. Egal welch unterschiedliche äußere oder innere begehrenswerte Dinge auftreten, wenn du frei von Ich-Fixierung bist, dann ist das der Soheits-Beweis des Durchtrennens.

Drei Ebenen des Erfolgs

„Nun zur Ausführung der drei Ebenen der Beweise für den Erfolg: ausgezeichnete, mittlere und geringste. Für jene mit der geringsten Fähigkeit ist das friedvolle und sanfte Verweilen Angesichts unterschiedlicher und vielfacher Erscheinungen der äußere Beweis für Erfolg. Verschiedene spirituelle Kräfte zu haben, falls irgendwelche vertrauenswürdige und respektable Götter und Dämonen auftauchen, ist der innere Beweis für Erfolg. Geistig und körperlich sich wohlzufühlen, sobald Krankheit, böse Geister (gdon) auftauchen und Gedanken in Gleichmut befriedet werden, ist der geheime Beweis des Erfolgs. Und wenn man gequält von Liebe, Mitgefühl und Unbeständigkeit den Dharma mit Vertrauen und Entsagung betritt, dann ist das der Soheits-Beweis des Erfolges.
„Für jene mit mittleren Fähigkeiten ist das äußere Zeichen des Erfolgs, dass man frei von Panik ist, egal welch fürchterliche, schreckliche Dinge geschehen. Der innere Beweis für Erfolg ist, dass man friedlich und ungestört ist, egal welche Krankheit, Geister, Schmerz oder Leiden auch auftaucht. Der geheime Beweis des Erfolgs ist, welche giftigen, störenden Gefühle auch auftauchen, dass diese in ihren eigenen Grund befreit sind. Und der Soheits-Beweis des Erfolges ist, dass man frei vom geistig fixierten Ich ist, [im Hinblick] auf den äußeren und inneren Nachweis des Aufkommens, das der Geist ergreift.
„Für jene mit ausgezeichneten Ausstattungen ist das äußere Zeichen des Erfolgs, dass alle furchteinflößenden, schlimmen, bösen Erscheinungen überwältigt sind. Der innere Beweis des Erfolgs ist, dass man frei von Aufblähung ist, egal welche Probleme auftauchen, wie beispielsweise Krankheit, störende Emotionen, Geister usw. Der geheime Beweis für Erfolg ist, egal welche ungünstige Bedingungen und Hindernisse auftauchen, dass sie förderlich werden. Die wahre Natur des Nicht-Ich ist innewohnende Leerheit. Die Verwirklichung der makellosen Wirklichkeit ist Soheit, der Beweis des Erfolgs für jene mit ausgezeichnetem Vermögen, Sohn.

Bloße Erkenntnis der innenwohnenden Natur des Geistes überwältigt die äußeren gequälten Plätze. Freiheit von Fixierung auf Ärger, Begierde oder Selbstliebe überwältigt innere Krankheit und Geister. Freiheit von Berechnen, was ist oder nicht ist überwältigt geheimes begriffliches Denken. Freiheit von Vorurteil überwältigt zyklische Existenz.
Diese tiefgründigen, entscheidenden Punkte meines Dharma-Systems Sind in wenigen Worten zusammengefasst, einfach zu praktizieren.
Glücklicher Sohn mit karmischer Bestimmung, vergiss dies nicht, behalte es im Geist. Wenn du dieses alte Weib liebst und diesen heiligen Dharma achtest, dann wirst du den Bardo nicht erblicken, das verspreche ich.“

Nachdem sie dies gesagt hatte, beendete Machig das Übertragen der Erklärung dieses tiefen Dharmas. Dann hielten sie ein großes Ganachakra-Festmahl ab. Große reine Wahrnehmung entstand in jedem. Alle Arten von Menschen gaben zahllose Opfersäcke. Sie nahmen sie mit nach Lhasa, wo sie ein riesiges Opfer darbrachten und Shamarpa und einige Schüler hinkamen. Dann gingen Machig und ihr Gefolge nach Lhodrak, wo sie für neun Monate blieben. Sie gab „Die vollständige Erklärung von Sutra und Tantra in Verbindung“ und „Die Aufklärung darüber, was die zwei Extreme überwältigt“. Verbunden mit „Mondlicht, das die Dunkelheit vertreibt“ gab sie „Die Mondstrahlen“. Sie gab eine ausführliche Erklärung über den „Riesigen Juwelenknoten“. Dann erklärte sie auch in größerem Maße die 21 heiligen Gelübde, die 12 Glieder des wechselseitigen Bestehens, den roten Führer des inneren Wissens und viele andere Dharma-Themen. Zhibpo Hurtön erlangte den Pfad der Befreiung und über hundert anderen Schülern war damit genützt. Dann gingen Machig und ihr Gefolge zum Kupferfarbenen Berg. Tönyön, Gangpa und die fünf Schüler gingen in die Große Schneehöhle und verblieben dort.

Aus Machig Labdröns Erklärungen zum Chöd (tib., phung po gzan skyur gyi rnam bshad gcod kyi don gsal byed; Seite 84ff). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 1. Februar 2017

Wie man Hindernisse abschneidet

demon-177816_1920Im vorherigen Blog-Beitrag wurden die vier Maras, die Hindernismacher beschrieben. Nun antwortet Machig Labdrön auf die Frage ihres Sohnes Gangpa, wie diese abgeschnitten werden können.

Wiederum fragte Gangpa Machig: „Werden diese vier Maras alle auf einmal abgeschnitten oder gibt es einen besonderen Ablauf oder gibt es einen Unterschied zwischen vorher und nachher hinsichtlich dieser vier Maras?“
Als Antwort erwiderte Machig: „Sohn, der dingliche Teufel und der nicht-materielle Teufel sind Maras zum Zeitpunkt der Ursache. Der Mara der Aufblähung ist ein Mara am Pfad und der Teufel der Aufregung ist ein Mara zum Zeitpunkt der Verwirklichung.
„Ein Mensch, der [keine der zehn Bodhisattva] Stufen erreicht hat und sich auf dem Pfad der Ansammlung und unterhalb des Pfades der Anwendung befindet, ist immer noch auf einem weltlichen Pfad. Im eigentlichen Sinne ist der Behälter – das ist der Körper – mehr unter Kontrolle. Der Geist, der darin enthalten ist, wird nicht so sehr beherrscht. Dementsprechend stören Krankheit und andere unerwünschte weltliche Leiden solche Menschen unkontrolliert. Weil diese Individuen keine psychischen oder magischen Fähigkeiten haben, werden sie von tatsächlichen Dingen mit Merkmalen wie den vier Elementen wirklich behindert. Zurzeit auf den Pfaden der Ansammlung und Anwendung ist es daher schwierig für sie, die Fähigkeit zu haben, den dinglichen Mara abzuschneiden. Zu diesem Zeitpunkt solltest du Geistestraining praktizieren.

Voranschreiten

„Sobald die erste Stufe erreicht ist, ist der Geist auch mehr unter Kontrolle und du hast die Kontrolle über psychische und magische Fähigkeiten. Mit dieser Macht hast du die Fähigkeit, die dinglichen Maras, all die tatsächlichen Dinge mit Merkmalen wie die vier Elemente, Gift, Waffen, Abgründe usw. wirklich abzuschneiden. Zu diesem Zeitpunkt haben der innere Körper und all die eigentlichen Dinge keine wahre Realität. Aber wie frei man auch von den Merkmalen der eigentlichen Dinge man sein mag, bis man Buddhaschaft erlangt hat, brauchst du die Praxis der Entsagung. Welche Härte du auch ertragen musst, du wirst keine körperlichen oder geistigen Qualen erleben.

Immaterieller Mara abgeschnitten

„Bis dahin und einschließlich des Pfades der Anwendung sollte der nicht-materielle Mara abgeschnitten sein. Die Erscheinungen von Göttern und Dämonen, Krankheiten, Qualen, Leidenschaften, Aggression, der acht weltlichen Belange usw. sind Eindrücke, die im Geist erscheinen. Auch wenn eine Person die Bodhisattva-Stufen nicht erlangt hat, kann er oder sie bei Besitz eines machtvollen Heilmittels diesen Mara abschneiden. Und es ist unumgänglich das so zu machen.

Was ist zu Beginn des Problem?

„Am Beginn des Chöd sind der ignorante Geist und seine mit ihm entstandene Ich-Fixierung die Wurzel aller Probleme, Grundlage aller diskursiven Gedanken, der getäuschte Verstand, der alle störenden Gefühle entstehen lässt, das aufgeblähte Objekt. Dieser ignorante, verdunkelte Geist muss durch die zeitlose Weisheit des selbsterkennenden Gewahrseins (rang rig) abgeschnitten werden. Ferner ist es zu Beginn der Dharma-Praxis von entscheidender Notwendigkeit herauszufinden, dass die Ich-Fixierung die Wurzel der Aufblähung der Ignoranz ist. Aber das Bereinigen der Ignoranz von Anfang an und das Abschneiden werden nicht einfach so geschehen. Indem man den Geist beständig im Nicht-Selbst übt, wird die Wurzel der Aufblähung der Ich-Fixierung abnehmen. Dann wird das transzendente Wissen vom Nicht-Selbst zunehmen und du wirst allmählich die Pfade voranschreiten, von der Ansammlung über die Anwendung usw. Den Teufel des aufgeblähten Objekts abzuschneiden und die Geburt der erleuchteten Eigenschaften ereignen sich zur selben Zeit. Wenn der Mara des aufgeblähten Objekts nicht durchtrennt ist, ist man nicht in der Lage, auf den Pfaden voranzukommen. Daher ist das aufgeblähte Objekt der Teufel des Pfades und muss vom Beginn an, wenn man in den Dharma eintritt, bis man den Pfad des Sehens erreicht, abgeschnitten werden. Auch wenn es auf dem Pfad des Sehens keine Fixierung auf eine wahre Existenz, die die Wurzel der störenden Gefühle ist, gibt, dann muss die Geistesschulung fortgesetzt werden, bis Buddhaschaft erlangt ist.

Ich-Überhöhung beseitigen

„Es gibt zwei Seiten der Aufblähung: jene, die aufgebläht ist und jenes, das aufbläht. Das aufgeblähte Objekt oder die Ignoranz, die der Grund für die Fixierung auf eine wahre Existenz ist, diese muss beseitigt werden. Jenes, das aufbläht, die zeitlose Weisheit des erkennenden Gewahrseins, das die Ignoranz erkennt, ist der Handelnde, der dies beseitigen wird und daher kann dies selbst nicht beseitigt werden. Selbst wenn du versuchst, dies zu beseitigen, du könntest es nicht. Die Essenz der Aufblähung ist das zeitlose Weisheitsgewahrsein, das die außergewöhnliche Erfahrung der Erkenntnis des Nicht-Selbst entstehen lässt. Genau wenn das geschieht, werden die oben erwähnten Eigenschaften, die Aufregung verursachen, entstehen und die kommende Erlangung der Buddhaschaft so unterdrückt. Daher wird dies der Mara der Verwirklichung genannt. Aber wenn du die vorherigen Lehren über Traum und Illusion einbeziehst, dann werden sich alle Qualitäten verbessern und das Wohlergehen der Wesen wird sich ereignen. Auf diese Weise sollst du nicht das Entstehen der Begeisterung beseitigen. Auch wenn du es versuchen würdest, du könntest es nicht. Beispielsweise können Früchte nicht aufhören zu wachsen, wenn sie Wärme und Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Genauso gibt es keine Notwendigkeit das Ausufern von reichhaltigen Eigenschaften zu verhindern. Welche Qualitäten auch immer erscheinen, beziehe sie in den Pfad als Illusion ein.“

Lösung

„So sind der dingliche und der nicht-materielle Mara Objekte, die beseitigt werden müssen. Die Maras der Aufblähung und der Aufregung sind die Auslöschenden. Weiters musst du dich sowohl vom beseitigten Objekt wie auch dem Beseitiger befreien, edler Sohn.“

Aus Machig Labdröns Erklärungen zum Chöd (tib., phung po gzan skyur gyi rnam bshad gcod kyi don gsal byed; Seite 84ff). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 29. Januar 2017

Die vier Maras

machigMara ist der Widersacher und sein Name leitet sich vom Sanskrit-Begriff für Sterben (marati) ab. Im Buddhadharma gibt es entsprechend der zwei großen Kategorien von Sutrayana und Vajrayana jeweils zwei Kategorien von zu je vier Maras.
Im Sutrayana sind dies:
1) der Mara der Aggregate [Skandhas] (skt. skandha mara; tib. ཕུང་པོའི་བདུད་, wyl. phung po’i bdud);
2) der Mara der Störgefühle (skt. klesha mara; tib. ཉོན་མོངས་ཀྱི་བདུད་, wyl. nyon mongs kyi bdud);
3) der Mara des Todesherrn (skt. mrtyu mara; tib. འཆི་བདག་གི་བདུད་, wyl. ‚chi bdag gi bdud); und
4) der Mara des Göttersohns (skt. devaputra mara; tib. ལྷའི་བུའི་བདུད་, wyl. lha’i bu’i bdud).
Im Vajrayana gibt es eine andere Auflistung von Maras. Diese sind:
1) der Mara des Greifbaren (tib. ཐོགས་བཅས་ཀྱི་བདུད་, wyl. thogs bcas kyi bdud);
2) der Mara des Nicht-Greifbaren [immateriell] (tib. ཐོགས་མེད་ཀྱི་བདུད་, wyl. thogs med kyi bdud);
3) der Mara der Erhöhung (tib. དགའ་བྲོད་ཀྱི་བདུད་, wyl. dga‘ brod kyi bdud); und
4) der Mara der Aufblähung (tib. སྙེམས་བྱེད་ཀྱི་བདུད་, wyl. snyems byed kyi bdud).
Für Praktizierende des Chöd (tib., gcod) ist es wichtig, beide Kategorien zu kennen, da es sowohl Sutrayana-Chöd-Linien wie auch Vajrayana-Chöd-Linien gibt. Chöd – das Durchtrennen – ist eine äußerst kraftvolle Praxis, die fundamentalen Gewohnheiten des Greifens nach und Festhaltens an einem Ich und einer fixen Identität abzuschneiden und somit auch die fundamentale Täuschung über die wahre Bestehensweise der Phänomene zu beseitigen. Machig Labdrön – die „einzige Mutter, die Leuchte aus Lapchi“ – hat auf Basis der Prajnaparamita und den Lehren von Padampa Sangye dieses Set an Methoden manifestiert. Im folgenden Gespräch mit ihrem Sohn Gangpa Muksang erläutert sie in ihren Erklärungen zum Chöd die Sicht auf die vier Maras.

Aus den Erklärungen der Machig Labdrön

„Machig-la, was ist nun die genaue Bedeutung von ‚Mara [Teufel]‘?“ fragte Gangpa Muksang.
„Sohn, höre! Dies sind die Merkmale Maras (tib., bdud). Das, was ‚Mara‘ genannt wird, ist nicht irgendein großes, dickes, schwarzes Ding, das einen, sobald jemanden, der es erblickt, verscheucht und versteinert. Ein Mara ist nichts anderes, dass das Erlangen der Freiheit behindert. Daher können sogar liebe und herzliche Freunde zu Maras [in Hinblick auf] Freiheit werden. Unter allen gibt es keinen größeren Hindernismacher, als das Festhalten an einem Selbst. Bis also diese Ich-Fixierung durchtrennt ist, warten die Maras mit offenen Mündern. Aus diesem Grund musst du dich in einer geschickten Methode des Auflösens des Maras der Ich-Fixierung üben. Als Beigabe gibt es noch drei Teufel, die aus der Ich-Fixierung geboren sind, somit haben wir vier Hindernismacher, die aufgelöst [durchtrennt] werden müssen. Das sind ihre Namen:

  • Mara des Greifbaren (tib.,thogs bcas kyi bdud) und
  • Mara des Nicht-Greifbaren (tib.,thogs med kyi bdud),
  • Mara der Erhöhung (tib.,dga‘ brod kyi bdud) und
  • Mara der Aufblähung (tib., snyems byed kyi bdud).

Dies sind die die vier Teufel der Ich-Fixierung.“

Der Mara des Greifbaren

„Der Mara des Greifbaren (tib.,thogs bcas kyi bdud) ist die Form, die mit dem Auge gesehen wird. Anziehung entsteht in Bezug auf eine schöne Gestalt und die Geisteshaltung der Ablehnung entsteht hinsichtlich einer unangenehmen Form. Auf dieselbe Weise tauchen gute und üble Klänge, Gerüche, Geschmäcker und Gewebe als Sinnesobjekte für das Auge, die Nase, Zunge und den Körper auf und verursachen Anziehung oder Ablehnung. Dies nennt man den Mara des dualistischen Greifens. Man ist von der [als wirklich] wahrgenommenen Existenz als ein Sinnesobjekt angezogen und die Sinnesorgane sind vom eigentlichen Gegenstand der [Anziehung oder] Ablehnung gefangen genommen. Das schafft die Bedingung für die Qual der fühlenden Wesen und so wird es zur Ursache für die Bindung in der zyklischen Existenz. Aus diesem Grund wird es Mara [Teufel] genannt. Und es wird ein Hindernismacher genannt, weil man in den angenehmen und unangenehmen Objekten, die wirklich existieren, gefangen ist. Daher ist dies der ‚materielle Teufel‘.
„Daher, mein Sohn, ist jedes schöne oder unangenehme Ding, an dem jemand mit Anhaftung festhält, ein Mara. Egal um was es sich handelt, du musst dich von Anhaftung und Klammern befreien. Und was die Form betrifft, die eigentliche Essenz der Form ist von Natur aus leer. Daher, mein Sohn, weil diese Gestalt ihrer Natur nach ohne wirkliche Existenz ist, solltest du auf diese natürliche Leerheit ohne Anhaftung oder Ablehnung an die Gestalt meditieren. Du kannst Form nicht am Erscheinen hindern, [aber erkenne, dass sie] bloße Erscheinung ist, ohne Greifen nach einer gültigen Existenz. Durch das Auslöschen des Festhaltens an der bloßen Erscheinung, wirst du von Form befreit sein, edler Sohn. Dasselbe ist bei Klang, Geruch, Geschmack und Gewebe. Sei dir dessen bewusst. Das ist die Seinsweise des greifbaren Mara und das ist die der Pfad der Befreiung von diesem greifbaren Teufel.

Der Mara des Nicht-Greifbaren

„Höre, mein Sohn. Der Mara des Nicht-Greifbaren (tib.,thogs med kyi bdud) entsteht so, also pass auf und lass deinen Geist nicht umherwandern. Das, was ‚der nicht-greifbare Teufel‘ genannt wird, erscheint nicht als ein tatsächliches Sinnesobjekt. Vielmehr ist er jegliches gute oder schlechte Konzept, das in unserem Geist entsteht. Dies wird Dämon (tib., dre) genannt, wenn man es als eine furchteinflößende Erscheinung auffasst, die Schrecken verursacht und wird Gott genannt, wenn man es als reine Erscheinung versteht, die eine heitere und angenehme Erfahrung bewirkt. Auf diese Weise wird der Geist durch das geistige Greifen nach den beiden Konzepten von guten und schlechten Bedingungen von Emotionen gestört. Obwohl die störenden Emotion ohne tatsächliche Stofflichkeit ist und es keinen realen, tatsächlichen Gegenstand gibt, hat sie die Fähigkeit, einem eine gewisse Qual zuzufügen, indem sie einen veranlasst, unheilsame Handlungen auszuführen, daher wird dies Mara [Teufel] genannt. Weil es kein realer Gegenstand ist und keine tatsächliche, materielle oder sinnesbehindernde Eigenart hat, wird die als Mara des Nicht-Greifbaren bezeichnet.
„Die Natur des Geistes (tib., sems nyid), die sich auf die Dualität von Fehlern und Qualitäten fixiert, wie auch auf das Gute als ‚Gott‘ und das Schlechte als ‚Dämon‘, hat selbst an sich nicht eine Haaresbreite einer tatsächlichen Realität in ihrem eigenen fundamentalen Grund. Daher wird das auch als Leerheit ohne Wurzel und Grund (tib., gzhi med rtsa bral) bezeichnet. Versuche nicht, die Eindrücke zu behindern und jene, die im Geist erscheinen. Auch versuche nicht, die verschiedenen guten und schlechten Gedanken und Erinnerungen zu blockieren. Unterhalte keine Vorstellungen über sie. Welche Gedanken und Erinnerungen auch entstehen mögen, halte dich nicht damit auf, bei ihnen zu verweilen und über sie nachzudenken. Geist an sich ist die klare Natur des riesigen Raumes und jeder Gedanke oder jede Erinnerung auch immer kann darin entstehen. So wie Wellen im Ozean ohne einen Beweger entstehen können, genauso kann jede Art von guten und schlechten Gedanken im Geist entstehen. Wenn du den Geist an seinem eigenen Ort ohne Unterbrechung ruhen lässt, dann wird der Mara des Nicht-Greifbaren durch Glanz unterworfen. Lösche dualistisches Greifen des Denkens aus und lass den Geist in seinem eigenen Zustand ohne Störung zur Ruhe kommen, dies wird den Mara des Nicht-Greifbaren an seinem eigenen Ort befreien, edler Sohn.

Der Mara der Erhöhung

„Der Mara der Erhöhung (tib.,dga‘ brod kyi bdud), so wird gesagt, ist die geistige Anhaftung daran, was einen erfreut und erhebt, wodurch eine große Freude in einem entsteht. Die Ursachen dafür können eine gewaltige Menge an weltlichem Ansehen, Gewinn oder Ruhm sein, ein großes Gefolge, das Gesicht der Gottheit erblicken, die Schmerzen von Krankheit lindern durch das Unterwerfen von Dämonen durch Zaubersprüche, das Entstehen von besonderen meditativen Erfahrungen, das Vorkommen von Klarsicht im plastischen Träumen, das Aufleuchten von Glückseligkeit und Macht in Körper, Rede und Geist oder die ausführliche Bedienung und Anbetung durch die Opferung von Nahrung, Reichtum und Genüssen durch Götter, Dämonen und Menschen, die unwiderstehlich gefangen sind. Das Erfreuen und Außer-sich-sein von irgendeinem dieser, bewirkt große Arroganz und großen Stolz und wird zu einem Hindernis auf dem Pfad zur Freiheit, daher wird das Mara genannt. Diesem wurde der Name ‚Teufel der Erhöhung‘ gegeben.
„Daher, welche guten Dinge sich auch ergeben, wie immer sie entstehen, angesichts der Untrennbarkeit von Erscheinung und Geist, halte nicht an diesen Qualitäten als Qualitäten fest. Da weder der Geist, der sich erfreut und außer sich ist, noch der Gegenstand dieses Geistes auch nur eine Haarspitze von Dauerhaftigkeit, wahrer Existenz haben, fasse diese als eine Illusion oder einen Traum auf. Praktiziere so, als ob es eine Illusion oder ein Traum wäre. Ruhe im Zustand der Leerheit, frei von allen [trennenden] Extremen eines Geistes, der über seine Qualitäten oder seine Objekte sich hämisch freut. Auf diese Weise, so wie du auf die illusorische, traumgleiche Natur aller Phänomene inmitten großer Leerheit frei von Extremen meditierst und in den Pfad integrierst, wird der traumgleiche Teufel der Erhöhung abgeschnitten und das Wohlergehen aller illusorischen, traumgleichen Wesen wird sich einstellen, edler Sohn.

Der Mara der Aufblähung

„Weil die Wurzel dieser drei Maras sich von der Aufblähung ableiten, ist es äußerst wichtig, die Wurzel der Aufblähung abzuschneiden. Aufblähung (tib., snyems) bedeutet Ich-Fixierung (tib., bdag dzin). So gesehen ist die Ich-Fixierung die Wurzel aller Probleme und die Ursache für das Umherwandern in der zyklischen Existenz, daher ist sie der Teufel, der dem Erlangen der Freiheit entgegensteht. Also wird sie der Teufel der Aufblähung oder der Teufel der Ich-Fixierung genannt. Der Geist, der an einem Selbst festhält, wo es kein Selbst gibt, ist gestört. Sodann hält der begriffliche Gedanke jegliches gutes oder schlechtes geistiges Erscheinen fest und fixiert es als wahre Existenz. Das wird Aufblähung genannt.
„Das Objekt (dasjenige, das sich überhöht) und das Subjekt (das was überhöht), oder „Ich“ und „mein“, alle äußeren und inneren Phänomene werden durch die zeitlose Weisheit des selbsterkennenden Gewahrsein (tib., rang rig) als nicht-existent, ohne wahre Realität erkannt. Die Wurzel der Fixierung auf eine wahre Existenz wird vom Objekt abgezogen. Sobald eine Überhöhung über Gedanken auf gut und schlecht nicht mehr länger erscheint, ist Freiheit von den Extremen aller begrifflichen Ausschmückungen, die geistige Schöpfungen und geistiges Streben verursachen, gegeben.

Vergänglich – enteignet von geistigen Bezeichnungen.
Geistig frei und leicht – Fixierung auf ein Ich ist ausgelöscht.
Angeboren – nicht in der Lage, von emotionalen Umständen gestört zu werden.
Klar – Bewusstsein frei von äußeren und inneren Dualitäten.
Transparent – Gewahrsein frei von Anhaftung an allesmögliche.

„Sobald du frei von der Überhöhung auf eine Fixierung auf wahre Existenz bist, wirst du mit dem unwahren, raumgleichen Absoluten begegnen. Dies durchtrennt den Teufel des überhöhten Objekts. Wenn der Mara des überhöhten Objekts durchtrennt ist, dann sind alle Teufel, die aus störender Emotion entstehen, abgeschnitten. Wenn es ein Ego gibt, dann gibt es den Mara. Wenn kein Ego da ist, dann gibt es auch keinen Mara. Im Nicht-Ich gibt es kein Objekt, das abgeschnitten wird und daher auch keine Angst und keinen Schrecken. Diese zeitlose Weisheit des Gewahrseins, frei von Extremen erweitert die Intelligenz um alles Wissen zu umfassen. Dies wird die Frucht der Befreiung von den vier Maras genannt.
„Dies sind ein paar Worte der Erklärung zur Aufzählung der vier Maras und die Art, wie man die vier Teufel durchtrennt und sie in ihrem eigenen Grund befreit, um die letztendliche Frucht zu erlangen. Gangpa, Sohn mit karmischer Vorsehung und all ihr Glücklichen, merkt Euch das. Beeilt Euch und bemüht Euch! Macht dies zu Eurer Dringlichkeit und erzeugt den weiten Geist der Selbstlosigkeit.“ So sprach sie.

Aus Machig Labdröns Erklärungen zum Chöd (tib., phung po gzan skyur gyi rnam bshad gcod kyi don gsal byed; Seite 84ff). Übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2012).

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Januar 2017

Chöd – Verstrickungen lösen

machig_vasentsagli_1Die Chöd-Lehren des „Durchtrennens“ sind eng mit der Meisterin Machig Labdrön (1055 – 1149) verbunden. Die Lehre stammt aus der Zhije-Tradition und wurde von dem indischen Meister Padampa Sangye im Jahre 1092 nach Tibet gebracht. 1097 gründete Padampa Sangye das Kloster Dingri von dem die Tradition in Tibet ausging.
Machig Labdrön, die mit der Chöd-Praxis höchste Verwirklichung erlangte, ist wegen ihrer besonderen Lebensgeschichte und der Verbreitung der Chöd-Lehren in Tibet berühmt geworden. Geboren wurde Machig Labdrön im Tibet des 11. Jhdt. unserer Zeitrechnung. Schon als junges Mädchen war sie sehr begabt darin, die Verse der Prajnaparamita zu rezitieren und auch zu verstehen. Sie entschied sich also schon sehr früh für einen spirituellen Weg und studierte und praktizierte die buddhistischen Lehren mit großer Hingabe. Obwohl sie auch bei anderen Lehrern lernte, war die Begegnung mit dem indischen Meister Padampa Sangye für sie von großer Bedeutung. Durch seine Übertragungen und Unterweisungen schuf sie die Praxis des Chöd. Diese Praxis gab sie an ihre Kinder und zahlreiche Schülerinnen und Schüler weiter.
Die von Padampa Sangye ausgehende Überlieferung dieser Lehre ist in allen Schulen des tibetischen Buddhismus bis heute erhalten geblieben, als eigenständige Schultradition besteht sie nicht mehr. Padampa Sangye kann als eine Inkarnation von Padmasambhava gesehen werden, wie Machig Labdrön als eine Inkarnation von Yeshe Tsogyal gesehen werden kann.

Vorteile und Nutzen des Chöd

Das Anhaften an Ich-Vorstellungen gilt als die Wurzel allen weltlichen Leidens. Der Begriff „Chöd“ („Tschöd“ ausgesprochen) bezieht sich auf das Durchtrennen des Greifens nach und Klammerns an einem Ich und den damit verbundenen störenden Emotionen. Chöd basiert auf den Lehren zu Prajnaparamita (höchster Einsicht).
Berühmt für die Lehre des Chöd sind die Praxis des Phowa – das Aussenden des Bewusstseins – und die Selbstverwandlung in eine weibliche Weisheitsgestalt (Dakini). Die eigenen Erlebnishaufen werden in Opfergaben und Nahrung für die sog. „Vier Klassen der Gäste“ – Buddhas, Lehrer, Bodhisattvas, Meditationsgottheiten, Schützerwesen, die Wesen der sechs Daseinsbereiche und die karmischen Schuldner und Gläubiger – verwandelt und diese werden den Gästen dargebracht.
Dadurch erfolgt eine Verdienstansammlung und karmische Schulden werden beglichen und Verstrickungen gelöst. Auf diese Weise zielt das Chöd auf die Befreiung des Geistes von allen Ängsten und dem Erwecken der Erkenntnis der wahren Wesensnatur ab, welche von jeher reine Wonne-Leerheit ist. Die Tradition des Chöd findet sich in allen tantrischen Praxislinien und ist für ihre raschen Erfolge berühmt.
Diese spezielle Praxis ist für zwei Dinge gut: in diesem gegenwärtigen Leben zunächst hilft sie alle Arten von Krankheiten, alle Arten quälender Einflüsse, alle Arten von Unbequemlichkeit oder Problemen, die von elementaren Geistern entstehen oder herrühren, auszulöschen oder zumindest zu reduzieren. Und es ist die Art der Praxis, die sehr, sehr rasch zur Erleuchtung führt, viel rascher als viele andere Formen der Übung. Wenn wir über die uranfänglich reine Natur sprechen, dann sprechen wir über die wahre Natur des Geistes. Wenn wir die wahre Natur des Geistes verstehen, dann verstehen wir, dass die Geistesnatur frei von begrifflichen Gedanken ist, sie hat kein Haften, sie hat kein Greifen. Dieser Geisteszustand ist frei von Haften oder Greifen und wenn man frei von Anhaften und Greifen ist, dann ist dies der Zustand der Buddhaschaft.
Schließlich sollten wir uns selbst jeden Tag durch Beobachtung überprüfen, ob nach einiger Zeit der Chöd-Praxis unsere weltlichen Belange abgenommen haben, ob das Verhätscheln unseres Körpers abgenommen hat, ob die störenden Gefühle weniger wurden, ob Phänomene als wahrhaft und inhärent existent wahrgenommen werden, ob Götter und Dämonen als real angesehen werden usw. Wenn man sieht, dass diese Dinge abgenommen haben, dann bedeutet das, dass Chöd zum Pfad und der Pfad wirklich zur Praxis geworden ist.


Vom 23. – 28. Februar 2017 überträgt der Lama Norbu Tsering Rinpoche im Ngakpa-Zentrum die vollständige Praxis der Thröma Nagmo, die die zentrale Praxis des Chöd darstellt. Mehr dazu im Veranstaltungsteil.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Januar 2017

Heilsam – Unheilsam?

buddha-1429381_1920Abhasendra fragte: „Oh Lehrer, Bhagavan, gibt es in der Natur des angeborenen Raumes, der absoluten Natur der Wirklichkeit, irgendeinen Nutzen aufgrund von Heilsamen, Leiden, das durch Negatives zugefügt wird oder irgendeinen Nutzen durch Götter oder Schaden durch Dämonen und bösartigen Wesen? Möge der Lehrer das erklären!“
Er antwortete: „Oh Abhasendra, wo sind die ganzen Tugenden, die mit Körper,Rede und Geist begangen werden? Untersuche die Gegend, in der sie aufbewahrt werden und die Art und Weise, durch die sie angesammelt werden. Alles angesammelte heilsame Karma ist zu nichts geworden, leer, ungegenständlich und ungreifbar. Da nicht einmal eines davon festgeschrieben ist, sind sie nichts anderes als Erscheinungen des Ausführens von Tugend.“

Abhasendra fragte dann: „Sind sie von keinem Nutzen für den Geist?“

Er antwortete: „Untersuche, wo im Geist es von Nutzen ist: ist es draußen, innen, vorne, hinten usw. Wenn nichts, das nützt oder dem genützt wird, festgeschrieben ist, dann gibt es sicherlich keinen Nutzen. Überprüfe auch die Richtung und den Aufenthaltsort, wo das Gegenteil davon angesammelt wurde und beobachte die Art und Weise, durch die es sich aufhält. Es ist immer nicht festgeschrieben und nicht irgendwo befindlich, wenn du also glaubst, es würde deinen Geist stören, dann erforsche und analysiere sein Äußeres, Inneres, die Spitze, den Boden, vorne, hinten usw. Indem du das so machst, wirst du zur Schlussfolgerung kommen, dass sie leere, bloße Erscheinungen sind und deshalb gibt es nicht das geringste Leid, das es zufügt.“

Abhasendra erwiderte: „Obwohl es scheinbar keinen Nutzen oder kein Leid gibt, glaube ich noch immer, dass sie existieren. Bitte offenbart direkt, ob dem so ist.“

Er antwortete: „Oh Abhasendra, wenn du den Geistesstrom eines alten Mannes untersuchst, der sein ganzes Leben sich der körperlichen und verbalen Tugenden gewidmet hat und dem von einem alten Mann, der sein ganzes Leben sich mit dem Gegenteil und dem Unheilsamen verbracht hat, dann wirst du entdecken, dass beide Glück und kein Leiden wollen. Sie sehen sich selbst als Götter und betrachten andere als Dämonen. Sie haben solche Gedanken wie Hoffnung auf das Gute und Furcht vor dem Schlechten und ihre ganzen Wünsche sind gleich, nicht einer besser als der andere. In der Vergangenheit hatten sie genauso diese Gedanken, dieses Verhalten und die Richtung ihrer Wünsche und sie sind im Daseinskreislauf endlos getäuscht gewesen und in Zukunft sind sie durch ihre Täuschung auf dieselbe Weise gebunden. Daher gibt es gewiss keinen Unterschied zwischen ihnen.“

Abhasendra fragte: „Betreffend dem tugendhaften und negativen Verhalten gibt es kein Reifen von Karma? Möge der Lehrer das erklären!“

Er antwortete: „Oh großes Wesen, welche heilsamen oder negativen Handlungen sie auch begangen haben, es wird ein beständiger Strom an freudvollen und miserablen Erscheinungen auftreten, bis die Reifung bei jedem von ihnen seinen Verlauf genommen hat. Mit der Erschöpfung dieses Karmas dann wird man an anderen Handlungen und ihren Folgen teilnehmen. Aufgrund des körperlichen und verbalen Heilsamen gibt eine bloße Ansammlung von vorübergehendem Verdienst, der sich im Daseinskreislauf fortsetzt. Aber wisse, dass sie definitiv nicht zur Erlangung ewiger Freude führen.

Aus dem „Vajra-Herz-Tantra“ von Dudjom Lingpa, auch genannt „Ein Tantra, natürlich entstanden aus der Daseinsnatur aus dem Netz des ursprünglichen Gewahrseins der reinen Wahrnehmung;“ (tib., dag snang ye shes drwa pa las gnas lugs rang byung gi rgyud rdo rje’i snying po); übersetzt vom Ngak’chang Rangdrol Dorje (Enrico Kosmus, 2017)

Verfasst von: Enrico Kosmus | 10. Januar 2017

Mandala – Die Welt der Buddhas

mandala_chenrezigEin Mandala (tib., skyil ‚khor) ist eine Stütze in der Meditationspraxis des indisch-tantrischen Buddhismus. Ein Mandala ist nicht nur ein kunstvolles Gebilde und ein tibetisches Ritual, sondern stellt eine äußerst komplexe Praxis der Meditation dar.
Die mit einem Mandala verbundene Praxis nennt sich meist Yidam-Praxis oder Praxis mit einer Meditationsgottheit. Der Sanskrit-Begriff für diese Meditationsgottheit lautet „Ishtadeva“ und bezeichnet „erwählte Gottheit“. Da im Vajrayana die Sicht auf die eigene Selbstnatur und Umgebung von einer gewöhnlichen in einen reine Sicht verwandelt wird, stellt die Meditationsgottheit die Buddha-Natur in ihrer gesamten Ausstrahlung dar. Über die Praxis mit der Meditationsgottheit wird diese Buddha-Natur verwirklicht, in Buddhaschaft verwandelt. Ausgehend von der Keimsilbe im Zentrum entfaltet sich das Land der Gottheit bis hinaus zu den endlosen Weiten der Existenz.
Um eine solche vielschichtige Praxis der Meditation eines Mandalas auszuführen, ist zuvor eine Ermächtigung darin erforderlich. Nicht dass es sich dabei um eine simple Erlaubnis handeln würde, wie manche meinen, sondern es geht bei einer Ermächtigung darum, dass die verschiedenen Verständnisweisen und Auffassungen über die Welt von einem gereinigt werden und in ein Buddha-Verständnis transformiert wird.
Betrachten wir nun einmal das Mandala von Avalokiteshvara, auch Chenrezig (tib., spyan ras gzigs) genannt.

Mandala des Avalokiteshvara

Obwohl ein Sand-Mandala oder ein gemaltes zweidimensional zeigen, ist ein Mandala eigentlich dreidimensional. Es wird immer wieder auch als „Himmlischer Palast“ (tib., zhal yas khang) bezeichnet. Als gestreutes oder gezeichnetes Mandala sind manche Aspekte nur symbolisch dargestellt.
Ausgehend aus dem leeren Zustand der höchsten Potentialität entsteht die Keimsilbe HRI in der Mitte des Mandalas. Sie ist umgeben von den Keimsilben der vier anderen Buddha-Familien. Diese sitzen auf den Blütenblättern des Lotus im Zentrum. Die zentrale Keimsilbe wird zum Großen Mitfühlenden, zu Chenrezig, während die umgebenden Silben sich in die anderen Oberhäupter der Buddha-Familien verwandeln. Diese Gottheiten erscheinen aus der Hauptgottheit und zwar aus ihrem Zustand von Leerheit-Wonne ungetrennt. Im Osten erscheint aus einem blauen HUM der gereinigte Hass in Gestalt des Buddha Akshobhya, dem Herrscher der Vajra-Familie. Im Süden erschient aus einem gelben TRAM die gereinigte Gier in Form von Buddha Ratnasambhava, dem Oberhaupt der Ratna-Familie. Im Westen erscheint aus einem weißen OM die gereinigte Form von Unwissenheit in Gestalt des Vairocana, dem Oberhaupt der Buddha-Familie. Anzumerken ist hier, dass diese Figur sonst in der Mitte eines Mandalas vorkommt, aber da Chenrezig ja zur Lotus-Familie gehört, diese beiden ihre Plätze getauscht haben. Im Norden erscheint aus einem grünen AH die gereinigte Form von Eifersucht in Form des Buddha Amogasiddhi, dem Oberhaupt der Karma-Familie.
Die vier Quadranten sind in den jeweiligen Farben der Buddha-Familien. Darum herum befindet sich der Palast in all seiner Pracht mit Juwelenketten, Blumengirlanden, Baldachinen etc. verziert.
Die vier Tore stehen für die Vier Unermesslichen. Im grünen Garten rundum sind Bäume, es tummeln sich Tiere. Schatzvasen stehen herum, aus Nektarvasen steigen erlesene Düfte auf.
Der Garten ist umgeben von einem Juwelenkette, einem Lotuskranz und Vajras, sowie einem Ring aus fünffarbigem Feuer uranfänglicher Weisheitserkenntnis. Der Lotuskranz symbolisiert das beständige Lehren des Vajrayana durch Chenrezig. Die Vajras bilden einen unüberwindbaren Wall der Stabilität, während das Weisheitsfeuer alle Unwissenheit und Verdunklungen verbrennt. Da sich so alles in großes Mitgefühl verwandelt, ist dies auch gleichzeitig der höchste Schutz.

Nutzen

Ein Mandala ist ein Abbild einer Buddha-Welt, „reines Land“ genannt. Durch die beständige Praxis mit einer Meditationsgottheit und ihrem Mandala gelangt man schließlich zu einer gereinigten Auffassung von sich selbst, sowie der Welt und den Wesen darin.
Bei der Praxis mit einem Sand-Mandala gibt es noch ein paar begleitende Praktiken. So wird vor Beginn des Streuens der Erdgöttin (tib., sa’i lha mo) und lokalen Erdwesen (tib., sa bdag) Gaben als Pfand dargebracht und dann werden hinderliche Geister vertrieben. Schließlich kann der sorgsame Aufbau des Sand-Mandalas beginnen. Nachdem das gesamte Mandala in all seinen Einzelheiten gestreut worden ist, wird eine Puja der betreffenden Meditationsgottheit zusammen mit einem heiligen Festmahl durchgeführt. Abschließend wird das Mandala systematisch zerstört und der Sand des Mandalas wird in ein sauberes Gewässer gegeben. Dies erinnert einerseits an die Vergänglichkeit in der Welt. Indem es in einen sauberen Fluss geworfen wird, symbolisiert es andererseits auch, dass der Pfad zur Befreiung beschritten wird. Weiters dient es auch dazu, die Erde mit all ihren mineralischen Ressourcen zu verbessern und Störungen wie vorzeitiger Tod, Krankheiten, Plagen, Seuchen, Hungersnöte zu beseitigen. Am Ende wird dann noch der Verdienst aus dieser Praxis dem Wohl aller Wesen gewidmet, sodass sie rasch die höchste Erleuchtung erlangen mögen.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 9. Januar 2017

Ein Rat von Nub Sangye Yeshe

གནུབས་ཆེན་སངས་རྒྱས་ཡེ་ཤེས་ལ་ན་མོ༎
NUB CHEN SANG GYE YESHE LA NAMO //
Verehrung dem Nubchen Sangye Yeshe!

༼ལེགས་ཉེས་གསལ་བའི་མེ་ལོང༽
Der Spiegel, in dem schön und hässlich erscheinen.

བདེན་རྫུན་དགག་གཞག་དགོས་ཟེར་ཡང། །འགྲོས་དང་ཁ་ཕྱོགས་མ་བསྟུན་ན།
DEN DZÜN GAG ZHAG GÖ ZER YANG / DRÖ DANG KHA CHOG MA TÜN NA /
Obwohl gesagt wird, richtig und falsch sind loszulassen, wenn aber Verhalten und Ausrichtung (Sicht) nicht übereinstimmen,
།བགྲོད་ལམ་གཅིག་པའི་སྤུན་ཟླ་བར། །ཐལ་ཆེ་དྲགས་ན་གཏོར་བཞིག་ཡིན༎
DRÖ LAM CHIG PA’I PÜN DA WAR / THAL CHE DRAG NA TOR ZHIG YIN //
ist der Pfad wie die Trennung von Geschwistern (und) somit wird am Ende alles völlig zerstört und vernichtet sein.

Hier könnt ihr euch diesen Rat auch als Bild herunterladen!

nubchenrat

Verfasst von: Enrico Kosmus | 3. Januar 2017

Chöd in vier Sitzungen

mandala-1699168_1920.jpgEigentlich gibt es vier Sitzungen, die täglich zum Hingeben des Körpers ausgeführt werden. Und es gibt vier verschiedene Wege, dies entsprechend der Visualisationen, die sehr tiefgründig für die Entwicklung der Verwirklichung der Ichlosigkeit sind, zu machen. Das erste ist das „Weiße Festmahl“, welches die Opferung des eigenen Körpers durch eine spezifische Meditation am frühen Morgen ist. Das zweite ist das „Gemischte Festmahl“, welche die Opferung des eigenen Körpers an die Gäste zur Mittagszeit ist. Das „Rote Festmahl“ wird am Abend geopfert und das „Schwarze Festmahl“ wird nach 21 Uhr abends geopfert. Es gibt verschiedene Visualisationen für diese vier Festmahle entsprechend der verschiedenen Traditionen wie Tersar, Nyingthig und andere. Der Hauptpunkt ist immer derselbe. Man visualisiert sich selbst als die schwarze Yogini Thröma Nagmo und schießt man das eigene Bewusstsein mit dem Laut „PHAT“ aus dem Körper heraus und verwandelt diesen Leichnam in verschiedene Opfergaben für das Festmahl. Wenn man die grundlegende Sicht versteht, dann versteht man alle diese verschiedenen Übungen.

Vier Festmahle

Das Praktizieren der Vier Festmahle den Tag über ist ein Mittel für die Ansammlung von unermesslichen Verdienst. Der Hauptgrund ist, dass wir an nichts in der Welt mehr festhalten als an unserem Körper, somit ist es verständlich, dass die Opferung des Körpers eine mächtige Quelle des Verdienstes ist. Von unserer Geburt an bis jetzt waren unsere meisten Bemühungen auf den Unterhalt und die Ernährung unseres Körpers gerichtet und daher verherrlichen wir ihn sehr stark. Wir füttern ihn mit dem besten Essen, das wir bekommen können, wir umsorgen ihn, wir wollen gesund sein, wir schmücken ihn mit Kleidung und mit all diesen Dingen, für die wir unsere Zeit verbrauchen und uns anstrengen. Daher ist der Körper wertvoller für uns als irgendein anderer kostbarer Besitz. Die Opferung eines materiellen Objekts wie eines Elefanten, eines Pferdes oder eines Berges ist eine Quelle des Verdienstes. Die Opferung des eigenen Sohnes oder der eigenen Frau ist hundertmal größer, weil sie uns lieber sind. Die Opferung des eigenen Körpers ist tausendmal größer, weil es nichts Kostbareres gibt als unseren Körper.

Leerheit verwirklichen

Die großen Bodhisattvas der Vergangenheit, die Leerheit verwirklicht haben, waren sogar körperlich in der Lage, Teile ihrer Körper den Wesen zu geben, die litten oder es benötigten. Dies war nur möglich, weil sie Ichlosigkeit wirklich realisiert hatten. Ohne diese Verwirklichung ist es absolut unangebracht irgendeinen Teil des Körpers hinzugeben, denn sobald man den Körper zu opfern versucht, wird man Schmerz oder Qual empfinden und sofort Bedauern entwickeln. Im Augenblick des Bedauerns der Tat wird der Verdienst verloren gehen. Daher visualisiert man die Opferung des eigenen Körpers – es hat denselben Nutzen ohne Bedauern. Daher basiert die Chöd-Praxis nur auf Visualisation – der geistigen Aktivität. Es gibt keine physische Opferung des Körpers. Eigentlich wird alles als künstlich angesehen. Wenn man eine Menge an materiellem Besitz hat und niemals freigebig ist und dann nur visualisiert, wie man seinen Körper darbringt, dann ist dies heuchlerisch, weil die Opferung des Körpers bedeutet, dass man dies macht, weil man sonst nichts zu geben hat. Und außerdem ist der Hauptpunkt das Auslöschen des Greifens oder Verherrlichen des Körpers und dem Selbst.

Empfänger der Opfergaben

Man opfert den Körper den Objekten der Zuflucht, den Lamas, den Meditationsgottheiten, den Dakinis und Schützern. Man stellt sich auch vor, dass dies den Göttern und Geistern und vielen anderen Wesen, denen man karmische etwas schuldet, darbringt. Daher lädt man all diese Wesen, denen wir noch immer etwas schulden, ein hierher zu kommen und zu nehmen, was immer sie wollen. Man opfert hauptsächlich den Drei Juwelen und dadurch werden Verdienst angesammelt und Hindernisse gereinigt.
In der inneren Chöd-Praxis verwandelt man den Körper in alles Mögliche, was ausgezeichnet oder genießbar ist und lädt die Gäste ein, an diesem Festmahl in jeglicher Weise wie sie es möchten, teilzunehmen. Wenn man sich unsicher darüber ist und wenn man nicht wirklich imaginiert, dass sie dieses Festmahl verschlingen, dann treibt man nur ein Spiel mit den Göttern und Geistern, die man eingeladen hat. Um zu praktizieren, muss man großes Mitgefühl für alle Wesen – den früheren Müttern – haben und ihnen das, was sie möchten, auf ihre Weise lassen. Zuerst wird es nicht so sein. Man wird das Festhalten am Körper nicht so einfach aufgeben, aber durch das wiederholte Meditieren wird man langsam dazu fähig, in der Präsenz von Göttern und Dämonen den Körper einfach und sicher aufzugeben. Wenn dies geschieht, ist der Geist von Hindernissen gereinigt und Verdienst ist angesammelt. Man hat die Bedeutung des inneren Chöd verstanden, welches die Großzügigkeit durch das Aufgeben der Anhaftung an die fünf Aggregate ist.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Dezember 2016

Die vier Ermächtigungen im Tantra

TromaNagmoDurch Ermächtigung (tib., dbang) wird die praktizierende Person in eine Praxis eingeführt und in ihre grundlegende Natur des Geistes mit all ihren Ausdrucksformen ermächtigt. Gemäß der Tradition der Alten Übersetzungsschule (Nyingma) erfolgt dies durch eine Ermächtigung in Mahayoga, Anuyoga oder Atiyoga, in der Tradition der Neuen Übersetzungsschule (Sarma) werden diese drei im Anuttaratantra – dem Höchsten Tantra – zusammengefasst, aber doch in Vater-, Mutter- und Nonduales Tantra gegliedert. Aber zur Einteilung der drei Yogas und ihrer Charakteristika später mehr dazu.

Grundlegendes zur Ermächtigung

Im Falle einer vom Glück begünstigten Verbindung, wenn ein verwirklichter Lehrer einem geeigneten Schüler eine Ermächtigung gibt, dann kann Verwirklichung bereits während der Ermächtigung entstehen. Meist treffen diese günstigen Faktoren jedoch nicht aufeinander, sodass bei einer Einweihung zumindest ein Same im Geistesstrom der eingeweihten Person gelegt wird. Durch die Praxis – die Sadhana – wird dann dieser Same zum Wachsen und schließlich zur Reife gebracht.
Um eine tantrische Ermächtigung zu empfangen, muss zuerst die rechte Motivation und reine Sicht entwickelt werden. Die rechte Motivation ist jene der Bodhisattvas, d.h. die Ermächtigung wird mit der Absicht genommen, Nutzen für alle Wesen zu bewirken und sie eben auf die Stufe der höchsten Erleuchtung zu führen. Die reine Sicht für eine tantrische Ermächtigung ist, dass der Guru, der die Ermächtigung gibt, als Buddha gesehen wird, die Schüler, die die Ermächtigung empfangen, werden als Dakas und Dakinis gesehen, der Ort der Ermächtigung ist ein reines Land, die Zeit der Ermächtigung ist ein reiner – zeitloser – Zustand.
Meist ist für die Durchführung einer Ermächtigung auch noch eine Stütze erforderlich. Dies kann ein Mandala sein, oder auch eine Statue, ein Thangka. Manchmal wird diese Stütze durch ein paar Reiskörner als Mandala und einer Vase gebildet. Und bei ganz wenigen gibt es keine Stütze, da alles vom einweihenden Guru durch Visualisationsanweisung und Schädelschale hervorgebracht wird, wie im Falle des Khandro Thugthig von Dudjom Rinpoche.
Hier ein Beispiel für den Beginn einer Ermächtigung: „Ach! – All Ihr Buddhas und Mandala-Wesen, Beschützer der Wesen, glorreiches Schatzhaus der Weisheit und Güte – einziger Meister, Mandala der Dakinis, durch Eure Macht lasst mich zur Buddhaschaft reifen, darum bete ich.“ Und darauf antwortet der Vajra-Meister: „HO – Ihr glücklichen Kinder, hört genau zu! Aufgrund der wechselseitigen Bedingung von Karma und Bestreben ist die Zeit gekommen, das Versammlungsfeld zu versammeln, um in die Ermächtigung des Geheimen Mantras einzutreten und um in der Lage zu sein, die heiligen Versprechen zu behüten.“

Vier Stufen der Ermächtigung

Die erste Stufe der Ermächtigung ist die Vasen-Ermächtigung. Diese kann mehr oder weniger ausführlich erfolgen. Sie dient dazu, die Visualisation von Gottheit und Mandala hervorzubringen. Diese Phase wird auch Erzeugungsstufe oder Phase des Erschaffens genannt.
Der Ausgangspunkt dabei ist die Leerheit aus der alles heraus erscheint. Diese Meditation der Leerheit kann schon mit der Auflösung aus dem vorherigen Leben beginnen und dreistufig sein, bei der eben die äußere Auflösung der groben Elemente, die innere Auflösung der Tropfen und Winde und die Auflösung ins Klar-Licht meditiert werden. Aus diesem Zustand des völligen Leerseins von Eigennatur heraus entsteht Welt. Der erste Moment dafür ist im gewöhnlichen Leben eben der Akt der Zeugung und das Heranwachsen des Embryos bis zur Geburt. Da sich in den zehn Monaten (10×28 Tage) in jedem Monat eine bestimmte Art von Weisheitswind und Elementwind ausbildet, ergibt dies am Ende der zehn Monate eben fünf Weisheitswinde und fünf Elementwinde. Diese Ausbildungen der Winde stellen auch unser Greifen nach Identität auf einer fundamentalen Ebene dar.

Vasen-Ermächtigung

SONY DSCDaher wird durch die Ermächtigung dieses grundlegende Bilden von Identität auf fünffacher Weise gereinigt. Dies erfolgt in einer ausführlichen Vasen-Ermächtigung indem man in die fünf Buddha-Familien (Vajra, Ratna, Padma, Karma, Buddha) eingeweiht wird. Die entsprechenden Ermächtigungen sind mit Vasenwasser, Krone, Vajra, Glocke und Name.
Die Ermächtigung mit der Vase hat fünf Abschnitte, die den fünf Erlebnishaufen (Skandhas) entsprechen und diese eben reinigen und verwandeln sollen. Die Ermächtigung mit dem Vasenwasser entspricht der Vajra-Familie mit ihrem Oberhaupt Akshobhya und reinigt das Geistesgift Zorn. Zorn wird in die spiegelgleiche Weisheit verwandelt. Dadurch wird auch das Skandha des Bewusstseins gereinigt.
Die Kronenermächtigung entspricht der Ratna-Familie mit ihrem Oberhaupt Ratnasambhava und reinigt das Geistesgift Stolz. Stolz wird in die Weisheit der Gleichheit verwandelt. Gleichzeitig wird das Skandha der Empfindung gereinigt.
Die Ermächtigung mit dem Vajra entspricht der Lotus-Familie mit ihrem Oberhaupt Amitabha und verwandelt das Geistesgift Begierde in die unterscheidende Weisheit. Gleichzeitig wird der Erlebnishaufen der Unterscheidung gereinigt.
Die Ermächtigung mit der Glocke entspricht der Karma-Familie mit ihrem Oberhaupt Amoghasiddhi und reinigt Neid, Eifersucht und Missgunst. Diese Geistesgifte werden in die allesvollendende Weisheit verwandelt. Gleichzeitig wird das Skandha der gestaltenden Faktoren (Gewohnheitsmuster) gereinigt.
Die Ermächtigung mit dem Namen entspricht der Buddha-Familie mit ihrem Oberhaupt Vairocana und reinigt das Geistesgift Unwissenheit (Täuschung) in die Dharmadhatu-Weisheit (raumgleiche Weisheit). Gleichzeitig wird das Skandha der Form gereinigt.
Auf diese Weise werden die fünf Erlebnishaufen in die fünf Buddha-Familien verwandelt und eine reine Sicht wird etabliert. Man kann sich nun selbst als entsprechende Meditationsgottheit visualisieren und im Geistesstrom ist dadurch der Same für den Erscheinungskörper (Nirmanakaya) gelegt.
Hier ein Beispiel dazu: „OM – Vom Herzen der Vase strahlt Licht aus, der ungehindert leuchtende Ausdruck aus dem Schoß des Dharmakaya der großen Mutter (und) der Versammlung der Dakinis und des vollständigen Mandalas. Über dem Scheitel von einem bricht die symbolische Gestalt als weißes OM hervor und tritt in die Brahma-Öffnung ein, verbindet sich mit einem. Die Befleckungen des Körper und der Kanäle werden gereinigt. Man erhält die Ermächtigung der Vase und reift zum Nirmanakaya. Der Körper der unzerstörbaren Realität und das Freisein von Getrenntheit wird erlangt. Man wird zu einem vollständig gereiften Vidyadhara. Durch die Ermächtigung in die Gottheit kann man die Erzeugungsstufe vollenden.“ Durch entsprechende Mantras wie z.B. KAYA ABHISHINTSA OM wird dies bekräftigt und dann folgen noch weitere Einzelheiten für die Visualisation.
Bei dieser Einweihung wird der Körper des Einzuweihenden mit den entsprechenden Gegenständen berührt. Durch das Ausführen der Erzeugungsstufe, dem Hervorbringen von Gottheit und Mandala-Palast, in der Sadhana-Praxis wird dieser Abschnitt der Einweihung umgesetzt und im Geistesstrom des Praktizierenden verankert.

Geheime Ermächtigung

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Die nächste Ermächtigung ist die sog. „Geheime Ermächtigung“. Geheim meint in diesem Zusammenhang das Innere bzw. das Innenleben der erscheinenden Gestalt. Dieses Innere der Gestalt der Gottheit ist von einer Vielzahl an subtilen Kanälen durchzogen, durch die die Winde strömen, genauso wie in der unreinen Erscheinung des Körpers eben Nervenbahnen für die Reizleitung verantwortlich sind. In der unreinen Erscheinung sind die Winde nicht unter Kontrolle und bewegen sich meist in den Seiten- und Nebenkanälen. Durch die Geheime Ermächtigung wird die eingeweihte Person in diese feinstoffliche Struktur der Kanäle, der Zentren (Chakras) und der Winde eingeführt.
Ein Beispiel hierzu aus der Ermächtigung in die Thröma Nagmo: „Durch die Berührung an der Kehle, werden Rede und Winde von den Befleckungen gereinigt und die geheime Ermächtigung erteilt. Man erfährt vollkommene Freude und der Same für die Vajra-Rede wird gelegt. Man kann das machtvolle Vajrayana-Mantra rezitieren und man erlangt die Stufe eines Vidyadhara mit der Macht über das Leben.“ Und um dies zu bekräftigen, wird nach dem Mantra die Formel „WAKA ABHISHINTSA AH“ angehängt.
Bei diesem Abschnitt der Ermächtigung stellt man sich vor, wie die Essenz von Mitgefühl und Weisheit aus dem Körper des Lehrers in Form von Weisheitsnektar herausströmt und in einen eintritt. Durch die Geheime Ermächtigung erfolgt eine Reinigung der Kanäle und Winde, sodass die Person nun auf die Kanäle, Chakras und Winde meditieren kann und der Same für das Erlangen des Sambhogakaya ist im Geistesstrom gelegt. Die mit dieser Einweihungsstufe verbundenen Praktiken sind die Mantra-Rezitation sowie die Praxis der Inneren Hitze (tib., gtum mo).
Das damit verbundene Zentrum ist die Kehle, da dies auch für Rede steht, die eben durch die Winde stattfinden kann. Somit wird auch bei voller Reife sich die Buddha-Rede in einem entfalten.

Weisheits-Bewusstseins-Ermächtigung

Diese Ermächtigung ist die Einweihung in das Mandala des relativen Erleuchtungsgeistes. Dieser das dem Geist innewohnende Mitgefühl. Es ist die natürliche Ausstrahlung der Natur des Geistes. Insbesondere der weiße Vater-Tropfen, die Samenessenz, die im Augenblick der Zeugung einen Teil unseres Körpers bildete, wird dadurch gereinigt.
Hier ein Beispiel dazu: „HUNG – Die allumfassende Vollendung von Samsara und Nirvana ist das Gakhyil. Die Versammlung der Dakinis ist das geheime Schatzhaus des Geistes, das aus dem Herzzentrum des Schülers hervorbricht. Der Geist und die Tropfen sind durch die Weisheis-Bewusstseins-Ermächtigung von den Befleckungen gereinigt. Geist und Gedanken sind tiefer Ausdruck des Dharmakaya. Der Vajra-Geist ist nicht mehr entzweit, sondern ein Strom. Man erlangt die Ebene eines Vidyadhara der Mahamudra.“ Dies wird wiederum durch ein Mantra bekräftigt.
Durch den Kontakt mit der Rigma – der Weisheitsgefährtin – wird man in die Praxis der Tropfen ermächtigt und erfährt dadurch ungetrennte Glückseligkeit-Leerheit. Auf diese Weise wird der Geist gereinigt und der Same für das Realisieren des Dharmakaya im Geistesstrom gelegt. Die mit dieser Ermächtigungsstufe verbundenen Praktiken umfassen die Ausübung verschiedenster Vollendungsstufenpraktiken wie das Abschmelzen und Verteilen der Tropfen um die Vier Freuden (tib., dga‘ bzhi), entweder durch Visualisation oder mit einer Partnerin ausgeführt.

Kostbare Wort-Ermächtigung

Die Ermächtigung in das Mandala des absoluten Erleuchtungsgeistes ist eine Einweihung ohne Substanzen oder Gegenstände, sondern erfolgt durch das Aufzeigen der Natur des Geistes. Daher wird sie als Kostbare Wort-Ermächtigung bezeichnet. Manchmal kommt es vor, dass der Vajra-Meister an dieser Stelle auf Hilfsmittel wie Spiegel, Regenbogen-Bindu, Kristall und/oder Pfauenfeder zurückgreift, um die leere Natur des Geistes und seine natürliche Strahlkraft zu veranschaulichen. Dabei wird der Zustand der offenen, reinen Natur des Geistes beispielhaft beschrieben. Die einzuweihende Person sitzt in einem Zustand der Versenkung, meditiert diese Worte und kann bei Zusammentreffen günstiger Bedingungen die Natur des Geistes realisieren.
Hier ein Beispiel dafür: „HUNG – Das Mandala der Weisheits-Dakinis ist die gesamte Essenz der erhabenen Mutter. Dieser makellose Regenbogenkristall wird nun übertragen. Die fünf Weisheiten erstrahlen und treten in die fünf Zentren des Schülers ein und reinigen die Trübungen des befleckten Bewusstseins. Durch das Erhalten der Wort-Ermächtigung der ursprünglichen Reinheit löst sich der Allgrund-Dharmakaya in den Raum hinein auf. Möge man den Svabhavikakaya (Essenzkörper) realisieren und die Vidyadhara-Ebene der spontanen Präsenz erlangen.“ Bekräftigt wird dies ebenfalls durch ein Mantra. Und weiters: „HUNG – Dies ist die Frucht der unübertrefflichen Melodie der fünf Weisheits-Kayas der fünf Familien. Der natürliche Ausdruck des Dharmadhatu und der Tropfen und der Vajra-Fäden ist von diesem Geschmack. Um das Feld der vier visionären Erscheinungen[1] zu erfahren, schreitet man auf die Ebene der vier Arten der Vidyadharas voran. Mögen durch die Ermächtigung die vier Kayas realisiert werden. A A A / PHAT
Während der erste Teil dieser Ermächtigung in die uranfängliche Reinheit – auf Tibetisch „ka dag“ genannt – einführt, verweist der zweite Teil auf die spontane Präsenz der Ausstrahlung – auf Tibetisch „lhun sgrub“ genannt – die sich in den fünf Farben und ihren weiteren spielerischen Manifestationen zeigt.
Auf diese Weise ist der Geist von den subtilen Befleckungen gereinigt und der Same für den Svabhavikakaya – den Essenzkörper – ist im Geistesstrom gelegt. Durch das Praktizieren von Trekchö und Thögal wird in der Nyingma-Tradition dieser Abschnitt der Ermächtigung dann in weiterer Folge umgesetzt. In der Sarma-Tradition stützt man sich dabei auf Mahamudra, sowie weitere Praktiken der Vollendungsstufe wie den Yoga des Illusionskörpers, Traum-Yoga und den Yoga des Klar-Lichts.

Abschluss

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Am Ende der Ermächtigung können noch weitere Abschnitte folgen wie die Vajra-Meister-Ermächtigung oder die Übertragung der Sieben Reichtümer eines Weltenherrschers oder die Samaya-Ermächtigung. Bei der Vajra-Meister-Ermächtigung wird der Schüler auf die Zeit nach der Realisation der Praxis vorbereitet. Da der Schüler dann ein Weltenherrscher (Chakravartin) ist, bekommt er nun auch die sieben Insignien, wie den kostbaren Minister, die kostbare Königin, den kostbaren Elefanten usw. eines Weltenherrschers übertragen.
Die Samaya-Ermächtigung erfolgt dadurch, indem der Vajra-Meister dem Schüler die mit der Praxis verbundenen Verpflichtungen darlegt und der Schüler verspricht, diese auch entsprechend einzuhalten. Bei manchen Ermächtigungen wird dieser Teil nicht explizit gegeben, dennoch sind mit dem Nehmen einer Ermächtigung immer entsprechende Verpflichtungen verbunden. Diese können die tantrischen Wurzel- und Zweiggelübde oder auch zusätzlich mit dem jeweiligen Tantra verbundenen Versprechen sein.
Danach beschließt man die Ermächtigung durch das Darbringen eines Mandalas, widmet den Verdienst, spricht Glückwünsche und äußerst weitere ausgezeichnete Worte, um die Verbindung zu bekräftigen.

[1] Bezieht sich auf die vier visionären Erscheinungen im Dzogchen: 1) chos nyid mngon sum – die visionäre Erscheinung der direkten Wahrnehmung der Realität, 2) nyams snang gong ‚phel– die visionäre Erscheinung der immerzu anwachsenden meditativen Erfahrung, 3) rig nyid mngon sum gi snang ba – die visionäre Erscheinung des Erreichens der Grenze des Gewahrseins; 4) chos nyid zad pa – die visionäre Erscheinung des Aufhörens des Haftens (Klammerns) an der Realität.

Verfasst von: Enrico Kosmus | 20. Dezember 2016

Das Rad des Lebens

lebensrad-kopieYama, der Gott des Todes, hält in seinen Klauen das Rad des Lebens. Yama wird auch als das Monster der Unbeständigkeit bzw. der Veränderung bezeichnet. Auf seinem Kopf trägt er eine Krone aus fünf menschlichen Totenköpfen. Seine Lenden sind von einem Tigerfell geschürzt. In seinem Gesicht hat er drei Augen, mit denen er die drei Zeiten zu überblicken kann. Da er das Rad des Lebens in seinem Mund hat, symbolisiert er damit, dass er alles Geschaffene letztendlich auffrisst.

Erstes Rad

Das Rad des Lebens wird auch Samsara (Daseinskreislauf) genannt. Im Zentrum des Lebensrades ist ein rötlicher Kreis. In ihm befinden sich ein Schwein, ein Hahn und eine Schlange. Diese drei symbolisieren die drei Wurzelgifte Unwissenheit bzw. Verblendung, Gier bzw. Verlangen und Hass bzw. Ablehnung. Unwissenheit wird als das grundlegende Geistesgift betrachtet, da es alle anderen nach sich zieht. Unwissenheit bedeutet ein Nicht-Wissen um die Leerheit und damit auch wechselseitige Abhängigkeit aller Phänomene. Verlangen bezeichnet das Wünschen und Besitzen-Wollen. Mit Hass wird die Kraft der Distanzierung und des Abwehrens benannt.

Zweites Rad

Im zweiten Kreis sind weiße und schwarze Gestalten zu sehen. Die weißen Gestalten stellen die heilsamen Handlungen dar. Diese sind: das Leben schützen, den Besitz achten, Treue bewahren, die Wahrheit sprechen, sanfte Rede pflegen, verbindende Gespräche führen, achtsam in der Sprache sein, Weisheit, Mitgefühl und Zufriedenheit. Anhand der schwarzen Gestalten, die nach unten fallen, werden die Handlungen, die zu negativen Inkarnationen führen dargestellt. Die leidvollen Handlungen sind: Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten, Lügen, Schimpfen, Zwietracht sähen, belanglose Rede, Unwissenheit, Hass und Gier.

Drittes Rad

Im dritten, dem größten und eindrucksvollsten Kreis finden sich je nach Darstellung fünf oder sechs Segmente. Jedes dieser Segmente stellt eine Möglichkeit der Wiedergeburt dar. Eine Inkarnation im Bereich der Hölle wird durch Hass, Töten und Aggressionen bewirkt. Die Wiedergeburt im Reich der Pretas (Hungergeister) erlangt man aufgrund von Habsucht, Geiz und Unzufriedenheit. Ins Tierreich führen Handlungen, die aus Unwissenheit, Beschränktheit und Gleichgültigkeit begangen werden. Handlungen, die mit Leidenschaft und Verlangen verbunden sind, bewirken eine Wiedergeburt im Menschenreich. Über lange Zeit besonders edle Taten ausgeführt führt zu einer Wiedergeburt im Reich der Titanen und Götter. Allerdings erleben auch die Wesen in diesen Bereichen am Ende Leid. Da die Titanen immer in Konkurrenz zu den Göttern liegen, fallen sie, wenn ihre glückbringenden Verdienste aufgebraucht sind, in die Hölle zurück, da sie über lange Zeit wieder den Hass kultiviert haben. Die Götter fallen aufgrund ihres Hochmuts ebenfalls zurück. Meist ins Reich der Tiere, da die sorgenfreie Zeit im Paradies nicht entsprechend für eine Befreiung genutzt wurde.

Buddhas der sechs Bereiche

lebensrad_1In jedem dieser Reiche befinden sich aber auch erwachte Wesen, die den anderen den Pfad zur Befreiung lehren.
Im Bereich der Menschen steht Buddha Shakyamuni mit der Almosenschale. Da Leidenschaft die Hauptursache für eine Wiedergeburt im Menschenreich ist, stellt Entsagung – symbolisiert durch die Almosenschale – das Gegenmittel dar.
Im Bereich der Götter (Deva) hält der entsprechende Buddha eine Vina, eine indische Stabzitter. Da die Götter des Begierdebereichs, des Bereichs der Form und des formlosen Bereichs durch Wonne so entrückt sind, können sie nur mehr durch Klang erreicht werden.
Im Bereich der Gegengötter (Asuras) hält der Buddha eine Rüstung. Weil die Asuras beständig in Kriege und Streitigkeiten verwickelt sind, bietet eine Rüstung Schutz.
Im Bereich der Tiere hält der Buddha einen Stupa. Der Stupa steht für Weisheit. Da Tiere mit Dumpfheit geschlagen, ist Weisheit das Gegenmittel. Außerdem sind körperliche Abbildungen, die Tiere umkreisen können, sehr hilfreich, da auf diese Weise körperlich positive karmische Eindrücke geschaffen werden.
Da im Bereich der Hungergeister (Preta) beständiges Elend an Nahrung und Schlaf vorherrscht, hält der Buddha dort einen Nektar, mit denen er sie labt. Obwohl wir Menschen durch das Verrichten unserer Notdurft den Hungergeistern Opfergaben darbringen können, ist dies nur möglich, da diese beiden Bereiche verschieden sind. Im Bereich der Pretas selbst kann ein Buddha eben Nektar einbringen.
Die 18 Höllen bestehen neben der Avici-Hölle und der Ein-Tages-Hölle aus acht heißen Höllen und acht kalten Höllen. Daher bringt der Buddha dort Feuer und Wasser dar, um die Leiden in den Höllenbereichen zu besänftigen.

Zwölf Glieder des bedingten Entstehens

Im äußersten Kreis sind die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens dargestellt. Diese wurden im Sutra vom Reiskeimling von Buddha Shakyamuni erläutert. Unwissenheit in Gestalt eines Blinden führt zur gestaltenden Tat. Diese wird von einem Töpfer mit einer Scheibe dargestellt. Wird diese Scheibe der gestaltenden Tat einmal angestoßen, dreht sie sich unaufhörlich weiter. Bewusstsein durch einen Affen symbolisiert, beschreibt das Speicherbewusstsein, in dem die durch Unwissenheit begonnene gestaltende Tat gespeichert wird. Sie wartet dort so lange, bis sie zur Reifung kommt.
Ein Mensch in einem Schiff stellt Name und Körper dar. Ein leeres Haus mit sechs Fenstern symbolisiert die sechs Kräfte des Sehens, Hörens, Schmeckens, Riechens, Tastens und Denkens. Zwei Menschen in geschlechtlicher Vereinigung drücken den Faktor Berührung aus. Dieser Faktor tritt bei der Entwicklung von Körper und Geist im Mutterleib auf. Empfindung wird durch einen Pfeil im Auge dargestellt.
Gröberes oder subtiles Begehren wird durch eine Biertrinker dargestellt und steht für Verlangen. Ein Affe, der nach einer Frucht greift, beschreibt das Greifen nach einer neuen Existenzform.
Mit dem Bild einer schwangeren Frau wird das Werden gezeigt. Die Anlagen der evolutionären Handlungen sind nun vollständig herangereift. Mit Geburt, in Gestalt einer gebärenden Frau, wird auf das Eintreten des Bewusstseins bei der Empfängnis hingewiesen. Ein Mensch mit einem Stock bzw. ein Leichenträger stellen Altern und Tod dar.
Die Glieder 2 und 10 zeigen befleckte Handlungen, die Glieder 1, 8, 9 stehen auch für Geistesgifte.

Außenbereich

Die Gestaltung des Umfeldes vom Lebensrad ist je nach Künstler verschieden. In dieser vorliegenden Abbildung sieht man rechts oben drei Wesen, die für drei Wurzelqualitäten stehen. Ganz oben sitzt der Mahasattva Boddhisattva Avalokiteshvara, das Erleuchtungswesen des grenzenlosen Mitgefühls, in Lotoshaltung. Durch seine vier Arme werden die vier unermesslichen Qualitäten der liebenden Güte, der Barmherzigkeit, der Freude und des Gleichmuts dargestellt. Links darunter befindet sich Boddhisattva Manjushri, das Erleuchtungswesen der Weisheit. Mit seinem Flammenschwert teilt er die Schleier der Unwissenheit und der Verblendung. Rechts von ihm steht Boddhisattva Vajrapani, der Diamantträger, der mit seinem grimmigen Blick die grenzenlose Tatkraft darstellt. In seiner erhobenen Hand hält er den Donnerkeil, mit dem er klärend, bestärken, kräftigen und ermächtigen, aber auch beschützend in die Welt eingreift.
Auf der linken Seite oben sitzt Buddha Amitabha auf seinem Lotosthron. Durch die heilsamen Handlungen, besonders aber der Hingabe, gelangen alle Wesen ins Reine Land Shukavati. Die heilsamen Handlungen, die dazu führen, werden durch den aufsteigenden farbigen Rauch dargestellt. Auf ihm reisen die Wesen nach Shukavati. Dieser Farbbogen zieht sich über das Menschenreich, die die menschliche Geburt als die vorteilhafteste Inkarnation angesehen wird. In der Hölle überwiegt Hass, im Reich der Pretas die Unzufriedenheit, bei den Tieren herrscht Fressen und Gefressen werden, die Asuras vertun ihre vorteilhafte Wiedergeburt durch ihren Neid und ihr Konkurrenzverhalten, und die Götter schwelgen in der Abgehobenheit aus den irdischen Sorgen. Lediglich im Reich der Menschen halten sich Glück und Leid einigermaßen die Waage, so dass sie für die Lehren des Pfades zur Befreiung aufgeschlossen sind.

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