Verfasst von: Enrico Kosmus | 12. Januar 2016

Buddhas in der Welt – Herzensweite und geschicktes Wirken

Die Ermächtigung in eine tantrische Praxis des Buddhadharma ist ein mehrstufiger Vorgang, durch den Praktizierende in eine alternative – erleuchtete – Erlebniswelt eingeführt und in die Lage versetzt werden, sich selbst, sowie die Welt und die Wesen in reiner Sicht zu erfahren.
Im Grunde ist so eine Ermächtigung auch ein Verfahren, unsere eingefrorenen Herzen aufzutauen und den Herzgeist mit seiner Warmherzigkeit (oder sollte man Barmherzigkeit sagen?) zu erwecken. Deshalb ist es auch so wichtig, dafür eine sichere Ausrichtung zu finden und die unübertroffene Motivation und das Streben der Herzenseinstellung – Bodhicitta genannt – zu entwickeln. Betrachtet man die Person, die diese Ermächtigung initiiert als erleuchtetes Wesen, d.h. erkennt man die Natur des Geistes dieser Person als gleich mit der eigenen Geistesnatur, dann entsteht eine tiefe Verbindung und Gewissheit, dass das Potential zur vollkommenen Erleuchtung in einem schon vorhanden ist und nur mehr zur Reife geführt werden braucht.

Leerheit und Erscheinung

Um dieses Erwachen und zur Reife führen etwas besser zu verstehen, ist eine kurze Darstellung des Verständnisses von Leerheit und Erscheinung notwendig. In der offenen Weite der Natur des Geistes sind alle Buddhas eins, auch überhaupt alle Wesen. Doch im Unterschied zu den Buddhas erkennen die fühlenden Wesen dies nicht und fallen dadurch einem trügerischen Spiel des Dualismus anheim.
HUM_KristallDiese Natur des Geistes (tib., sems nyid) ist nicht verschieden vom letztendlichen Raum und wird auch Dharmakaya (tib., chos sku) – Körper (Bereich) der letztendlichen Wahrheit – genannt. Darin sind sich alle Buddhas und Wesen gleich. Buddhas aber erkennen dies, da sie die vorübergehenden Schleier bereinigt haben. Deshalb werden sie auch „Sangye“ (tib., sangs rgyas) genannt, was soviel wie „bereinigt und erblüht“ bedeutet. Das Tibetische „sangs“ bedeutet „bereinigt“ und das „rgyas“ bedeutet „voll aufgeblüht“ oder auch „entfaltet, entwickelt“, einfach etwas bis zu seinem vollen Ausmaß gebracht. Im Unterschied zu den fühlenden Wesen entfernen sich Buddhas nicht aus diesem Seinsgrund.
Dieser Grundzustand ist leer von jeglicher Eigennatur und seine natürliche Ausstrahlung ist Mitgefühl. Und dieses Mitgefühl manifestiert sich als die der Natur des Geistes innewohnende natürliche Strahlkraft in unzähligen Formkörpern (skt., rupakaya). Diese Formkörper sind die Sambhogakaya-Manifestationen, die von Bodhisattvas wahrgenommen werden können. Und für die gewöhnlichen fühlenden Wesen manifestieren sie sich in Nirmanakaya-Formen, d.h. in für das gewöhnliche Auge sichtbaren Formen, um den Geist der Wesen zu zähmen und ihnen zu nützen.

Motivation der Buddhas

Der Nirmanakaya-Buddha im menschlichen Bereich ist z.B. Buddha Shakyamuni. Aber darüber hinaus gibt es noch unzählige Nirmanakaya-Buddhas im menschlichen Bereich, je nach Bedarf der Wesen, die eine Verbindung mit diesen haben. Und auch in den anderen Daseinsbereichen gibt es die entsprechenden Nirmanakayas.
KarmapaDie Lehren Buddhas sind von zwei wesentlichen Aspekten getragen, nämlich Mitgefühl und Leerheit – eben geschickte Mittel und höchste Erkenntnis. Diese beiden Aspekte stehen auch mit den Kayas – Dharmakaya und Rupakaya – in Verbindung. Die Realisation des Dharmakaya, also der Natur des Geistes, ist die Befreiung und der Nutzen für einen Selbst. Die Realisation des Rupakaya ist der Nutzen für die anderen und führt sie mit geschickten Mittel und zähmt ihren Geist.
Dieses Leersein von Eigennatur ist bereits unsere Grundnatur. Wir brauchen nicht danach zu suchen, sondern wir werden durch den Lehrer darauf hingewiesen und kultivieren dies durch die spirituelle Praxis. Doch meist ist unser Herzgeist fest und steif wie ein Buttersack oder ein Eisblock, da wir an einem Ich festhalten. Um diese Starrheit aufzuweichen, hat Buddha Shakyamuni auch die höchste Geisteshaltung – Bodhicitta – gelehrt. Diese hohe Motivation ist von liebender Güte und Mitgefühl getragen.
Dazu hat der Buddha die drei Pfade gelehrt, den Pfad der persönlichen Befreiung, den Pfad zur Befreiung aller Wesen und den Pfad der reinen Sicht und geschickten Mittel des geheimen Mantras. Für Menschen mit geringem Verständnis mögen diese Pfade getrennt und manchmal widersprüchlich aussehen. Aber alle drei haben ein einziges Ziel – das der Befreiung von den störenden Emotionen und des Erkennens der Natur des Geistes. Sie unterscheiden sich lediglich im Ausmaß der Motivation und der Wahl der Mittel.

Ausrichtung, Verwandlung, Erkenntnis

Die Geistesgifte ergeben sich aus der grundlegenden, gemeinsam entstandenen Verdunklung der Natur des Geistes und sie setzen ein Spiel von Verstrickungen des Ergreifens und Zurückweisens in Gang. Dies verschleiert die Geistesnatur wie aufgewühlter Schlamm in einem Glas klaren Wasser.
KunzangYabYumWill man diesen verwirrten Zustand klären, dann verschlimmert Umrühren diesen noch mehr. Also benötigt man zuerst eine klare Ausrichtung und ein Zur-Ruhe-Kommen, sodass sich dieser emotionale und gedankliche Aufruhr legen kann. Dies geschieht zunächst durch eine klare Ausrichtung. Im Alltag gefangen, legen wir all unsere Hoffnung in verschiedenste weltliche Bestrebungen – Partner, Familie, Arbeit, Freizeitaktivitäten, Studien etc. Doch bringen diese alle nur vorübergehende Linderung. Die Ausrichtung auf die Natur des Geistes – verkörpert in Buddha -, auf die befreiende Lehre – den Dharma – und die Gemeinschaft der Wesen, die diese klare Ausrichtung bereits haben, betritt man einen spirituellen Pfad, der über das Weltliche hinausführt.
Die Praxis dabei wird dabei zuerst durch den aktiven Entschluss unterstützt, unheilsame und verstrickende Handlungen aufzugeben und heilsame auszuführen. Natürlich benötigt man dabei auch Vertrauen, dass dieser Pfad für einen hilfreich ist. Dieses Vertrauen bringt man vor allem jenen entgegen, die bereits ein gewisses Freisein von diesen unheilsamen und verstrickenden Emotionen und Geistesregungen erlangt haben. So wird Buddha definiert. Der Dharma ist die befreiende Information, die einem hilft, selbst auch dieses Freisein zu erlangen. Und die Begleiter auf diesem Pfad, die spirituelle Gemeinschaft, wird von jenen gebildet, die einen dabei unterstützen, diese befreiende Information anzuwenden und manchmal auch Übefeld sind.
In verfeinerter Form zeigen sich diese drei Kostbarkeiten auf dem Pfad des geheimen Mantra im Guru, der den Segen spendet, in der Meditationsgottheit, die die Verwirklichungen bringt und die Himmelswandlerinnen und Schützer, die die Aktivitäten ausführen. Auf einer inneren Ebene entsprechen diese kostbaren Wurzeln den feinstofflichen Kanälen, den Energiewinden und den essentiellen Tropfen. Und auf einer letztendlichen Ebene sind sie die drei erleuchteten Körper eines Buddha – die zuvor beschriebenen Trikaya.

Herzensöffnung

o-south-cant-mass-rotor-fo-535817_1920Diese vielschichtige klare Ausrichtung hilft einem, zunächst einmal zur Ruhe zu gelangen und einen klaren Blick auf das Wesentliche zu bekommen. Doch bedeutet das noch nicht, dass man schon diese Loslösung vom Ich-Denken verwirklicht hat.
Nun gilt es die Verkrustungen des Herzgeistes zu beseitigen. Damit man diese Verhärtungen beseitigen kann, erweckt man eine hohe Absicht und ein hohes Streben das die eigenen Belange völlig in den Hintergrund stellt und die Anliegen der anderen fördert. Man öffnet einfach sein Herz den Wesen und der Welt und lädt sie ein, Gäste zu sein.
Bedenkt man die Güte der eigenen Eltern, die aber noch immer kein Freisein aus diesem Kreislauf der redundanten Erlebnisse erlangt haben, erkennt man das Dilemma der weltlichen Bestrebungen. So fasst man den Entschluss, sie alle auf die höchste Stufe der Seligkeit zu führen. Indem wir ihnen unterschiedslos begegnen, in Wohlwollen und liebende Güte begegnen, beginnen die Verkrustungen abzufallen und wir erkennen, dass auch sie Träger der höchsten Erkenntnis aufgrund der innenwohnenden Buddha-Natur sind. Mit dieser Haltung erst ist man reif für den Pfad der reinen Sicht und der geschickten Mittel.

Pfad der Einsicht und geschickten Mittel

Auf dem Pfad der persönlichen Befreiung trachtet man danach, Unheilsames aufzugeben und hat dabei besonders die ethische Disziplin im Fokus. Als Wurzelgift wird auf diesem Pfad das Verlangen und Greifen nach einer Identität angesehen. Mit Hilfe der Meditation wird der Geist geschult, die Wurzel des Greifens nach Identität erkannt und man macht sich mit der ethischen Disziplin vertraut, sodass die negativen Gewohnheiten nicht mehr weiter ausgeführt werden. Wir erlangen so einen großen persönlichen Frieden.
nepal-292172_1920Der Pfad großer Absicht und großen Strebens arbeitet vorwiegend mit dem Gegenmittel zu den Giften. Ein unheilsamer und ein heilsamer Geisteszustand können nicht zur selben Zeit auftreten. Als Wurzelgift auf diesem Pfad wird die Ablehnung, der Hass betrachtet. Der gesamte große Pfad ist dabei ein Mittel, dieses Ablehnen zu verwandeln und eine Übung für Liebe und Dankbarkeit. Dies geschieht durch das Austauschen mit anderen, bei dem man das Leid der anderen aufnimmt und ihnen das eigene Glück sendet. Auf diese Weise werden die Verkrustungen des Herzgeistes abgebaut und man erlangt schließlich eine enorme Herzensweite. Diese Herzensweite ist ein Freisein, das nun dafür eingesetzt wird, andere auf dieselbe Stufe der Seligkeit zu führen.
Darüber hinaus gibt es noch einen dritten Pfad – den der Transformation. Auf diesem Pfad der reinen Sicht und geschickten Mittel verwandelt man sich selbst und alle Phänomene in reine Erscheinungen. Als Wurzelgift auf diesem Pfad wird die Unwissenheit, das Nichtwissen um die Natur des Geistes identifiziert. Man versteht, dass ausnahmslos alle Lebewesen die Fähigkeit zur vollständigen Realisation der Natur des Geistes haben. Und dieser Grundzustand ist seit Anbeginn makellos rein, frei von jeglichen Geistesgiften oder vorübergehenden Trübungen. Alle diesen Geistesgiften wohnen ursprüngliche Weisheiten inne, die vorübergehend durch das Nichterkennen des natürlichen Geisteszustandes verschleiert sind. Ein geschickter Umgang mit diesen Störungen, die jedoch Weisheit in sich tragen, zeigt sich in den erleuchteten Manifestationen der Meditationsgottheiten. Ihr friedvolles Erscheinen ist Zeichen dafür, dass selbst in Begierde Weisheit enthalten ist. Ihre rasende und schreckenerregende Manifestation veranschaulicht, dass in Hass und Unwissenheit durchdringenden Einsicht und Befreiung liegen. Schaut man mittels der Praxis mit einer Meditationsgottheit direkt in diese Gifte, erkennt man ihre Hohlheit und kann die verstörende Wirkung der Emotionen in klare Strahlkraft der Natur des Geistes und reines Buddha-Wirken verwandeln.

Das nächste Mal werde ich etwas über das Buddha-Wort und Tantra erzählen. Also dranbleiben!


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