Verfasst von: Enrico Kosmus | 24. Dezember 2016

TromaNagmoDurch Ermächtigung (tib., dbang) wird die praktizierende Person in eine Praxis eingeführt und in ihre grundlegende Natur des Geistes mit all ihren Ausdrucksformen ermächtigt. Gemäß der Tradition der Alten Übersetzungsschule (Nyingma) erfolgt dies durch eine Ermächtigung in Mahayoga, Anuyoga oder Atiyoga, in der Tradition der Neuen Übersetzungsschule (Sarma) werden diese drei im Anuttaratantra – dem Höchsten Tantra – zusammengefasst, aber doch in Vater-, Mutter- und Nonduales Tantra gegliedert. Aber zur Einteilung der drei Yogas und ihrer Charakteristika später mehr dazu.

Grundlegendes zur Ermächtigung

Im Falle einer vom Glück begünstigten Verbindung, wenn ein verwirklichter Lehrer einem geeigneten Schüler eine Ermächtigung gibt, kann Verwirklichung bereits während der Ermächtigung entstehen. Meist treffen diese günstigen Faktoren jedoch nicht aufeinander, sodass bei einer Einweihung zumindest ein Same im Geistesstrom der eingeweihten Person gelegt wird. Durch die Praxis – die Sadhana – wird dann dieser Same zum Wachsen und schließlich zur Reife gebracht.
Um eine tantrische Ermächtigung zu empfangen, muss zuerst die rechte Motivation und reine Sicht entwickelt werden. Die rechte Motivation ist jene der Bodhisattvas, d.h. die Ermächtigung wird mit der Absicht genommen, Nutzen für alle Wesen zu bewirken und sie eben auf die Stufe der höchsten Erleuchtung zu führen. Die reine Sicht für eine tantrische Ermächtigung ist, dass der Guru, der die Ermächtigung gibt, als Buddha gesehen wird, die Schüler, die die Ermächtigung empfangen, werden als Dakas und Dakinis gesehen, der Ort der Ermächtigung ist ein reines Land, die Zeit der Ermächtigung ist ein reiner – zeitloser – Zustand.
Meist ist für die Durchführung einer Ermächtigung auch noch eine Stütze erforderlich. Dies kann ein Mandala sein, oder auch eine Statue, ein Thangka. Manchmal wird diese Stütze durch ein paar Reiskörner als Mandala und einer Vase gebildet. Und bei ganz wenigen gibt es keine Stütze, da alles vom einweihenden Guru durch Visualisationsanweisung und Schädelschale hervorgebracht wird, wie im Falle des Khandro Thugthig von Dudjom Rinpoche.
Hier ein Beispiel für den Beginn einer Ermächtigung: „Ach! – All Ihr Buddhas und Mandala-Wesen, Beschützer der Wesen, glorreiches Schatzhaus der Weisheit und Güte – einziger Meister, Mandala der Dakinis, durch Eure Macht lasst mich zur Buddhaschaft reifen, darum bete ich.“ Und darauf antwortet der Vajra-Meister: „HO – Ihr glücklichen Kinder, hört genau zu! Aufgrund der wechselseitigen Bedingung von Karma und Bestreben ist die Zeit gekommen, das Versammlungsfeld zu versammeln, um in die Ermächtigung des Geheimen Mantras einzutreten und um in der Lage zu sein, die heiligen Versprechen zu behüten.“

Vier Stufen der Ermächtigung

Die erste Stufe der Ermächtigung ist die Vasen-Ermächtigung. Diese kann mehr oder weniger ausführlich erfolgen. Sie dient dazu, die Visualisation von Gottheit und Mandala hervorzubringen. Diese Phase wird auch Erzeugungsstufe oder Phase des Erschaffens genannt.
Der Ausgangspunkt dabei ist die Leerheit aus der alles heraus erscheint. Diese Meditation der Leerheit kann schon mit der Auflösung aus dem vorherigen Leben beginnen und dreistufig sein, bei der eben die äußere Auflösung der groben Elemente, die innere Auflösung der Tropfen und Winde und die Auflösung ins Klar-Licht meditiert werden. Aus diesem Zustand des völligen Leerseins von Eigennatur heraus entsteht Welt. Der erste Moment dafür ist im gewöhnlichen Leben eben der Akt der Zeugung und das Heranwachsen des Embryos bis zur Geburt. Da sich in den zehn Monaten (10×28 Tage) in jedem Monat eine bestimmte Art von Weisheitswind und Elementwind ausbildet, ergibt dies am Ende der zehn Monate eben fünf Weisheitswinde und fünf Elementwinde. Diese Ausbildungen der Winde stellen auch unser Greifen nach Identität auf einer fundamentalen Ebene dar.

Vasen-Ermächtigung

SONY DSCDaher wird durch die Ermächtigung dieses grundlegende Bilden von Identität auf fünffacher Weise gereinigt. Dies erfolgt in einer ausführlichen Vasen-Ermächtigung indem man in die fünf Buddha-Familien (Vajra, Ratna, Padma, Karma, Buddha) eingeweiht wird. Die entsprechenden Ermächtigungen sind mit Vasenwasser, Krone, Vajra, Glocke und Name.
Die Ermächtigung mit der Vase hat fünf Abschnitte, die den fünf Erlebnishaufen (Skandhas) entsprechen und diese eben reinigen und verwandeln sollen. Die Ermächtigung mit dem Vasenwasser entspricht der Vajra-Familie mit ihrem Oberhaupt Akshobhya und reinigt das Geistesgift Zorn. Zorn wird in die spiegelgleiche Weisheit verwandelt. Dadurch wird auch das Skandha des Bewusstseins gereinigt.
Die Kronenermächtigung entspricht der Ratna-Familie mit ihrem Oberhaupt Ratnasambhava und reinigt das Geistesgift Stolz. Stolz wird in die Weisheit der Gleichheit verwandelt. Gleichzeitig wird das Skandha der Empfindung gereinigt.
Die Ermächtigung mit dem Vajra entspricht der Lotus-Familie mit ihrem Oberhaupt Amitabha und verwandelt das Geistesgift Begierde in die unterscheidende Weisheit. Gleichzeitig wird der Erlebnishaufen der Unterscheidung gereinigt.
Die Ermächtigung mit der Glocke entspricht der Karma-Familie mit ihrem Oberhaupt Amoghasiddhi und reinigt Neid, Eifersucht und Missgunst. Diese Geistesgifte werden in die allesvollendende Weisheit verwandelt. Gleichzeitig wird das Skandha der gestaltenden Faktoren (Gewohnheitsmuster) gereinigt.
Die Ermächtigung mit dem Namen entspricht der Buddha-Familie mit ihrem Oberhaupt Vairocana und reinigt das Geistesgift Unwissenheit (Täuschung) in die Dharmadhatu-Weisheit (raumgleiche Weisheit). Gleichzeitig wird das Skandha der Form gereinigt.
Auf diese Weise werden die fünf Erlebnishaufen in die fünf Buddha-Familien verwandelt und eine reine Sicht wird etabliert. Man kann sich nun selbst als entsprechende Meditationsgottheit visualisieren und im Geistesstrom ist dadurch der Same für den Erscheinungskörper (Nirmanakaya) gelegt.
Hier ein Beispiel dazu: „OM – Vom Herzen der Vase strahlt Licht aus, der ungehindert leuchtende Ausdruck aus dem Schoß des Dharmakaya der großen Mutter (und) der Versammlung der Dakinis und des vollständigen Mandalas. Über dem Scheitel von einem bricht die symbolische Gestalt als weißes OM hervor und tritt in die Brahma-Öffnung ein, verbindet sich mit einem. Die Befleckungen des Körper und der Kanäle werden gereinigt. Man erhält die Ermächtigung der Vase und reift zum Nirmanakaya. Der Körper der unzerstörbaren Realität und das Freisein von Getrenntheit wird erlangt. Man wird zu einem vollständig gereiften Vidyadhara. Durch die Ermächtigung in die Gottheit kann man die Erzeugungsstufe vollenden.“ Durch entsprechende Mantras wie z.B. KAYA ABHISHINTSA OM wird dies bekräftigt und dann folgen noch weitere Einzelheiten für die Visualisation.
Bei dieser Einweihung wird der Körper des Einzuweihenden mit den entsprechenden Gegenständen berührt. Durch das Ausführen der Erzeugungsstufe, dem Hervorbringen von Gottheit und Mandala-Palast, in der Sadhana-Praxis wird dieser Abschnitt der Einweihung umgesetzt und im Geistesstrom des Praktizierenden verankert.

Geheime Ermächtigung

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Die nächste Ermächtigung ist die sog. „Geheime Ermächtigung“. Geheim meint in diesem Zusammenhang das Innere bzw. das Innenleben der erscheinenden Gestalt. Dieses Innere der Gestalt der Gottheit ist von einer Vielzahl an subtilen Kanälen durchzogen, durch die die Winde strömen, genauso wie in der unreinen Erscheinung des Körpers eben Nervenbahnen für die Reizleitung verantwortlich sind. In der unreinen Erscheinung sind die Winde nicht unter Kontrolle und bewegen sich meist in den Seiten- und Nebenkanälen. Durch die Geheime Ermächtigung wird die eingeweihte Person in diese feinstoffliche Struktur der Kanäle, der Zentren (Chakras) und der Winde eingeführt.
Ein Beispiel hierzu aus der Ermächtigung in die Thröma Nagmo: „Durch die Berührung an der Kehle, werden Rede und Winde von den Befleckungen gereinigt und die geheime Ermächtigung erteilt. Man erfährt vollkommene Freude und der Same für die Vajra-Rede wird gelegt. Man kann das machtvolle Vajrayana-Mantra rezitieren und man erlangt die Stufe eines Vidyadhara mit der Macht über das Leben.“ Und um dies zu bekräftigen, wird nach dem Mantra die Formel „WAKA ABHISHINTSA AH“ angehängt.
Bei diesem Abschnitt der Ermächtigung stellt man sich vor, wie die Essenz von Mitgefühl und Weisheit aus dem Körper des Lehrers in Form von Weisheitsnektar herausströmt und in einen eintritt. Durch die Geheime Ermächtigung erfolgt eine Reinigung der Kanäle und Winde, sodass die Person nun auf die Kanäle, Chakras und Winde meditieren kann und der Same für das Erlangen des Sambhogakaya ist im Geistesstrom gelegt. Die mit dieser Einweihungsstufe verbundenen Praktiken sind die Mantra-Rezitation sowie die Praxis der Inneren Hitze (tib., gtum mo).
Das damit verbundene Zentrum ist die Kehle, da dies auch für Rede steht, die eben durch die Winde stattfinden kann. Somit wird auch bei voller Reife sich die Buddha-Rede in einem entfalten.

Weisheits-Bewusstseins-Ermächtigung

Diese Ermächtigung ist die Einweihung in das Mandala des relativen Erleuchtungsgeistes. Dieser das dem Geist innewohnende Mitgefühl. Es ist die natürliche Ausstrahlung der Natur des Geistes. Insbesondere der weiße Vater-Tropfen, die Samenessenz, die im Augenblick der Zeugung einen Teil unseres Körpers bildete, wird dadurch gereinigt.
Hier ein Beispiel dazu: „HUNG – Die allumfassende Vollendung von Samsara und Nirvana ist das Gakhyil. Die Versammlung der Dakinis ist das geheime Schatzhaus des Geistes, das aus dem Herzzentrum des Schülers hervorbricht. Der Geist und die Tropfen sind durch die Weisheis-Bewusstseins-Ermächtigung von den Befleckungen gereinigt. Geist und Gedanken sind tiefer Ausdruck des Dharmakaya. Der Vajra-Geist ist nicht mehr entzweit, sondern ein Strom. Man erlangt die Ebene eines Vidyadhara der Mahamudra.“ Dies wird wiederum durch ein Mantra bekräftigt.
Durch den Kontakt mit der Rigma – der Weisheitsgefährtin – wird man in die Praxis der Tropfen ermächtigt und erfährt dadurch ungetrennte Glückseligkeit-Leerheit. Auf diese Weise wird der Geist gereinigt und der Same für das Realisieren des Dharmakaya im Geistesstrom gelegt. Die mit dieser Ermächtigungsstufe verbundenen Praktiken umfassen die Ausübung verschiedenster Vollendungsstufenpraktiken wie das Abschmelzen und Verteilen der Tropfen um die Vier Freuden (tib., dga‘ bzhi), entweder durch Visualisation oder mit einer Partnerin ausgeführt.

Kostbare Wort-Ermächtigung

Die Ermächtigung in das Mandala des absoluten Erleuchtungsgeistes ist eine Einweihung ohne Substanzen oder Gegenstände, sondern erfolgt durch das Aufzeigen der Natur des Geistes. Daher wird sie als Kostbare Wort-Ermächtigung bezeichnet. Manchmal kommt es vor, dass der Vajra-Meister an dieser Stelle auf Hilfsmittel wie Spiegel, Regenbogen-Bindu, Kristall und/oder Pfauenfeder zurückgreift, um die leere Natur des Geistes und seine natürliche Strahlkraft zu veranschaulichen. Dabei wird der Zustand der offenen, reinen Natur des Geistes beispielhaft beschrieben. Die einzuweihende Person sitzt in einem Zustand der Versenkung, meditiert diese Worte und kann bei Zusammentreffen günstiger Bedingungen die Natur des Geistes realisieren.
Hier ein Beispiel dafür: „HUNG – Das Mandala der Weisheits-Dakinis ist die gesamte Essenz der erhabenen Mutter. Dieser makellose Regenbogenkristall wird nun übertragen. Die fünf Weisheiten erstrahlen und treten in die fünf Zentren des Schülers ein und reinigen die Trübungen des befleckten Bewusstseins. Durch das Erhalten der Wort-Ermächtigung der ursprünglichen Reinheit löst sich der Allgrund-Dharmakaya in den Raum hinein auf. Möge man den Svabhavikakaya (Essenzkörper) realisieren und die Vidyadhara-Ebene der spontanen Präsenz erlangen.“ Bekräftigt wird dies ebenfalls durch ein Mantra. Und weiters: „HUNG – Dies ist die Frucht der unübertrefflichen Melodie der fünf Weisheits-Kayas der fünf Familien. Der natürliche Ausdruck des Dharmadhatu und der Tropfen und der Vajra-Fäden ist von diesem Geschmack. Um das Feld der vier visionären Erscheinungen[1] zu erfahren, schreitet man auf die Ebene der vier Arten der Vidyadharas voran. Mögen durch die Ermächtigung die vier Kayas realisiert werden. A A A / PHAT
Während der erste Teil dieser Ermächtigung in die uranfängliche Reinheit – auf Tibetisch „ka dag“ genannt – einführt, verweist der zweite Teil auf die spontane Präsenz der Ausstrahlung – auf Tibetisch „lhun sgrub“ genannt – die sich in den fünf Farben und ihren weiteren spielerischen Manifestationen zeigt.
Auf diese Weise ist der Geist von den subtilen Befleckungen gereinigt und der Same für den Svabhavikakaya – den Essenzkörper – ist im Geistesstrom gelegt. Durch das Praktizieren von Trekchö und Thögal wird in der Nyingma-Tradition dieser Abschnitt der Ermächtigung dann in weiterer Folge umgesetzt. In der Sarma-Tradition stützt man sich dabei auf Mahamudra, sowie weitere Praktiken der Vollendungsstufe wie den Yoga des Illusionskörpers, Traum-Yoga und den Yoga des Klar-Lichts.

Abschluss

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Am Ende der Ermächtigung können noch weitere Abschnitte folgen wie die Vajra-Meister-Ermächtigung oder die Übertragung der Sieben Reichtümer eines Weltenherrschers oder die Samaya-Ermächtigung. Bei der Vajra-Meister-Ermächtigung wird der Schüler auf die Zeit nach der Realisation der Praxis vorbereitet. Da der Schüler dann ein Weltenherrscher (Chakravartin) ist, bekommt er nun auch die sieben Insignien, wie den kostbaren Minister, die kostbare Königin, den kostbaren Elefanten usw. eines Weltenherrschers übertragen.
Die Samaya-Ermächtigung erfolgt dadurch, indem der Vajra-Meister dem Schüler die mit der Praxis verbundenen Verpflichtungen darlegt und der Schüler verspricht, diese auch entsprechend einzuhalten. Bei manchen Ermächtigungen wird dieser Teil nicht explizit gegeben, dennoch sind mit dem Nehmen einer Ermächtigung immer entsprechende Verpflichtungen verbunden. Diese können die tantrischen Wurzel- und Zweiggelübde oder auch zusätzlich mit dem jeweiligen Tantra verbundenen Versprechen sein.
Danach beschließt man die Ermächtigung durch das Darbringen eines Mandalas, widmet den Verdienst, spricht Glückwünsche und äußerst weitere ausgezeichnete Worte, um die Verbindung zu bekräftigen.

[1] Bezieht sich auf die vier visionären Erscheinungen im Dzogchen: 1) chos nyid mngon sum – die visionäre Erscheinung der direkten Wahrnehmung der Realität, 2) nyams snang gong ‚phel– die visionäre Erscheinung der immerzu anwachsenden meditativen Erfahrung, 3) rig nyid mngon sum gi snang ba – die visionäre Erscheinung des Erreichens der Grenze des Gewahrseins; 4) chos nyid zad pa – die visionäre Erscheinung des Aufhörens des Haftens (Klammerns) an der Realität.

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