Verfasst von: Enrico Kosmus | 17. Januar 2016

Buddha-Wort und Tantra

ShakyamuniWie wirken nun Buddhas in der Welt? Sicherlich gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten und Äußerlichkeiten sind für eine Beurteilung nicht hilfreich. Die verschiedenen buddhistischen Fahrzeuge (Yana) schildern eine Vielzahl an erleuchteten Handlungsmöglichkeiten.
Neben dem Sutrayana – dem äußeren Fahrzeug – gibt es auch das Fahrzeug des geheimen Mantra-Pfades – das innere Fahrzeug. In dieser Sichtweise werden Wesen und Welt als Gottheit und Mandala angesehen, d.h. man selbst versteht sich als bereits erleuchtetes Wesen, die anderen Wesen sind ebenfalls erleuchtete Wesen und die Welt selbst wird als der Mandala-Palast der Gottheit verstanden. Wie im letzten Blog-Beitrag beschrieben, gibt es unzählige Manifestationen aus dem letztendlich offenen Raum der Natur des Geistes, aus dem spontan die erleuchteten Wesen entsprechend der Möglichkeiten und Fähigkeiten der fühlenden Wesen erscheinen.
Mit der erleuchteten Geisteshaltung – Bodhicitta – als Ursache zeigen sie sich in friedvollen, halb-zornvollen und zornvollen Gestalten, um die Geistesgifte der Wesen zu bezwingen. Die eigentliche Natur der Geistesgifte offenbart sich durch die geschickten Mittel des geheimen Mantra-Pfades als uranfängliche Weisheitserkenntnis bar jeder Ichbezogenheit.

Buddha-Wort

Vielleicht fragen sich manche, hat der Buddha Shakyamuni dies alles gelehrt? Nun, es gibt drei Arten des Buddha-Wortes:
1) Worte, die von ihm selbst gesprochen wurden;
2) Worte, die von ihm autorisiert sind; – d.h. er ist dabei gesessen (meist in Versenkung) und jemand anderer hat gesprochen (siehe die Prajnaparamita-Literatur wie „Herz-Sutra“); und
3) Worte, die im Einklang mit seiner Lehre stehen, aber sonst weder von ihm ausgesprochen oder sonstwie autorisiert wurden. Diese wurden und werden meist in Form von Sambhogakya-Übertragungen, in Form einer reinen Vision etc. offenbart.
Manche Leute fixieren sich dann auf die gesprochenen Worte als wahr und authentisch und akzeptieren abseits davon nichts. Andere wiederum akzeptieren gerade noch, was von ihm autorisiert wurde – aber halten Sambhogakaya-Erscheinungen für doch befremdlich, weil sie so sehr an das dinglich Greifbare und offensichtlich Sichtbare und Messbare glauben. Aber so funktioniert es nicht mal im alltäglichen Leben. Da gibt’s zum Glück auch Menschen, die über ein hohes Maß an Einsicht und Weisheit verfügen und so einen Zugang zu einer beständigen Weisheitsnatur haben und daraus schöpfen können. Und so werden auch heute noch Lehren aus dieser Weisheitsnatur offenbart. So wurden die Tantras dem Bodhisattva Vajrapani anvertraut, der diese stellvertretend für den Buddha lehrte.
Betrachtet man die Worte aus dem Palikanon, so sieht man, dass die viele Texte darin als vom Buddha selbst gesprochen angesehen werden. Andere Texte wie die Mahayana-Sutras beschreiben immer die Lehrsituation und dass der Buddha sich in Samadhi begibt. Daraufhin beginnt ein Gespräch zwischen einem Shravaka und einem Bodhisattva oder ein Bodhisattva bzw. ein Praktizierender stellt eine Frage oder der Erhabene begibt sich in einen Dialog mit einem Bodhisattva. Das Herz-Sutra ist ein Beispiel für einen Dialog zwischen dem Shravaka Shariputra und Avalokiteshvara. Im Diamant-Sutra entwickelt sich das Lehrgespräch zwischen Subhuti und dem Tathagata. Und im „Sutra der vier Kräfte“ stellt der Buddha eine Frage an Maitreya. Das Manjushri Nama Samgiti wird durch den Bodhsattva Vajrapani erbeten.

Schätze, Visionen, Offenbarungen

buddha-439344_1280Im Vajrayana gibt es dann zwei Kategorien an Texten: 1) das Wort Buddhas; und 2) die verborgenen Schätze, „Reinen Visionen“ und die Offenbarungen aus dem magischen Weisheitsnetz.
Das Buddha-Wort (bka’ ma) ist die ungebrochene Lehrüberlieferung von Sutra und Tantra, die von Meister zu Schüler weitergegeben wird.
Die Termas – die verborgenen Schätze – sind jene Lehren, die Padmasambhava seinen Schülern gelehrt hat und dann für zukünftige Zeiten verborgen hat. Diese sollten bei passender Gelegenheit, wenn zur rechten Zeit die richtige Person am richtigen Ort ist, entdeckt und offenbart werden. Manchmal wurden solche Texte auch als Schätze in den Elementen oder im Geist der Person verborgen. Manchmal wurden diese Texte auch in Dakini-Schrift – einer Art Geheimschrift – abgefasst und wurden vom Schatzfinder (Tertön) gefunden und entschlüsselt. Bei den Schätzen unterscheidet man zwischen Erdschätzen (sa gter), Geist-Schätzen (dgongs gter), „reinen Visionen“ (dag snang) oder auch wiederentdeckten Schätzen (yang gter), Offenbarungen aus der Erinnerung (rjes dran) und auch mündlichen Übertragungen (snyan brgyud).
Die „Reinen Visionen“sind Lehren, die den Meistern direkt von der Meditationsgottheit oder den Lehrern als visionäre Erfahrungen oder in Träumen übermittelt werden. Die Geist-Schätze sind Lehren, die Padmasambhava im Geistesstrom einer Person verborgen hatte und die dann in einem späteren Leben von jemandem daran erinnert wird. Beispiele dafür sind die Lehren des Himmels-Dharma (Namchö; tib., gnam chos) oder die Sieben Schätze des Longchenpa oder die Termas von Dudjom Rinpoche. Ein Erd-Schatz wiederum ist ein Schatz, der auch eine physische Repräsentanz hat. Das kann beispielsweise ein Paket Texte oder auch nur ein Papierschnitzel mit einer Silbe oder ähnliches sein. Das Thugdrub Barche Künsel von Chokgyur Lingpa wäre ein solcher Erd-Schatz. Auch der Schatz-Zyklus des Khandro Nyinthig von Dudjom Lingpa ist dieser Erd-Kategorie zuzurechnen. Wie der Name „wiederentdeckter Schatz“ schon besagt, wurde diese Lehre nach ihrer Enthüllung wieder verborgen.


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